Der Terrorismus mitsamt seinen Begleiterscheinungen gehört seit zwei Jahrzehnten zum politischen Alltag in Deutschland: Die Befreiung von Andreas Baader am 14. Mai 1970 gilt für den Journalisten Butz Peters zu Recht als „Geburtsstunde der RAF“. Der Autor präsentiert eine anschauliche, ohne Fußnotenapparat geschriebene, gut recherchierte, auf vielen Details fußende Gesamtdarstellung zum Terrorismus. Hintergrundinformationen Beteiligter fließen in die überwiegend chronologisch angelegte Schilderung ein.

Peters läßt die terroristische Entwicklung Revue passieren. Die Geschichte der „Propaganda der Tat“ ist die Geschichte ihres Scheiterns. Wie andere auch, unterscheidet der Autor zwischen drei RAF-Generationen: Die erste war mit der Verhaftung ihrer führenden Köpfe (Baader, Ensslin, Meinhof) im Jahre 1972 faktisch ausgeschaltet. Die zweite RAF-Generation, verantwortlich unter anderem für die Morde an Buback, Ponto und Schleyer, wollte die Aktivisten der ersten Generation freipressen. Die politisch Verantwortlichen blieben jedoch standhaft. Soweit die Terroristen der zweiter Generation nicht verhaftet wurden, tauchten sie – insgesamt zehn von ihnen – Anfang der achtziger Jahre in der DDR unter. Peters schildert die Überraschung der Sicherheitsbehörden, als nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes die „Stasi-RAF-Verbindung“, zu der Peters neues Material zusammenträgt, allmählich ruchbar wurde. Als Motive für das riskante Vorgehen der Staatssicherheit nennt Peters insbesondere den dortigen „Informationshunger“ sowie die Sicherheit, daß damit die RAF die DDR verschone. Die Aussteiger blieben in der DDR unauffällig, wenngleich die Staatssicherheit anfangs anderen Terroristen praktische Unterweisung anbot (zum Beispiel im Umgang mit Sprengstoffen).

Von der dritten RAF-Generation, die sich stärker als ihre Vorgänger um internationale Kontakte bemüht, weiß Peters – verständlicherweise – am wenigsten. Ihre Namen sind nicht einmal bekannt. Die Polizei tappt im dunkeln. Fingerabdrücke fehlen. Auf das Konto der dritten RAF-Generation gehen die Ermordungen von MTU-Chef Ernst Zimmermann, des Siemens-Vorstandsmitglieds Karl Heinz Beckurts, des Abteilungsleiters im Auswärtigen Amt, Gerold von Braunmühl, des Vorstandssprechers der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, sowie des Treuhandchefs Detlev Karsten Rohwedder. Peters stellt die interessante Hypothese auf, daß die Mitglieder der Kommandoebene gar nicht im Untergrund leben, sondern bürgerlichen Berufen nachgehen. So lasse sich die bisherige Erfolglosigkeit der Fahnder seit Mitte der achtziger Jahre unter Umständen erklären.

Der politisch motivierte Terrorismus begann – eigentümlich genug – ausgerechnet in einer Zeit, da die Brandt/Scheel-Regierung „mehr Demokratie“ wagen wollte und zu neuen Ufern aufbrach. Aber solche Rahmenbedingungen bleiben bei Peters außen vor. „Vor Ihnen liegt nicht der 437. Versuch, die Ursachen des Terrorismus abschließend zu klären. Auf den folgenden Seiten lesen Sie auch nichts von einem Patentrezept, wie dem RAF-Terror ein für alle Male ein Ende gesetzt werden kann.“ Nun muß, wer Ursachen und Therapien aufspürt, weder zu einer „abschließenden Klärung“ kommen noch mit einem „Patentrezept“ aufwarten. Einschlägige Analysen hätten der Tiefenschärfe des Buches nicht geschadet.

In mancher Hinsicht erinnert Peters’ Arbeit an Stefan Austs „Baader-Meinhof-Komplex“. Das gilt für den dramatisch gehaltenen Beginn (Aust benutzt als „Aufhänger“ den „Tod in Stammheim“, Peters das „Exil in der sozialistischen Biederkeit“) wie für die Art der Schilderung. Reportagehafte Elemente überlagern die Interpretation. Insgesamt ist Peters meinungsfreudiger als Aust, hält etwa den Selbstmord der Terroristen in Stammheim für erwiesen. Die Stärke der Arbeit ist der faktographische Zugriff, zum Teil allerdings in auswalzender Manier. Auch der Common sense des Autors, der weder dämonisiert noch verharmlost, verdient Anerkennung. Wer als politisch interessierter, nicht mit der Materie vertrauter Bürger das erfreulich unideologische Buch zu Rate zieht, kommt auf seine Kosten. Eckhard Jesse

  • Butz Peters:

RAF Terrorismus in Deutschland; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1991; 480 S., 39,80 DM