Wer wollte George Bush seine Skepsis verdenken? „Ich traue Kim II Sung nicht“, gestand der amerikanische Präsident, auf zwölftägiger Reise durch Asien, am vergangenen Sonntag bei einem privaten Abendessen mit Südkoreas Staatschef Roh Tae Woo. Der Gastgeber bedurfte der Mahnung zur Vorsicht gewiß nicht. Die Regierung in Seoul weiß nur allzu gut um die Gefährlichkeit und Unberechenbarkeit des Despoten im Norden der geteilten Halbinsel.

Dennoch sucht sie das Gespräch mit Kim – und der Erfolg gibt ihr recht. Im Dezember einigten sich Seoul und Pjöngjang auf ein Abkommen über „Versöhnung, Nichtangriff, Austausch und Kooperation“. Wenig später, in der Silvesternacht, verkündeten die beiden Staaten ihren Verzicht auf Kernwaffen und atomare Wiederaufbereitungs- und Anreicherungsanlagen.

Jetzt endlich hat Pjöngjang auch den geforderten internationalen Kontrollen seiner Nuklearanlagen zugestimmt: Noch im Januar soll der nordkoreanische Botschafter in Wien mit der Internationalen Atomenergiebehörde ein Inspektionsabkommen unterzeichnen. Quasi zur Belohnung wollen Südkorea und Amerika auf das übliche gemeinsame Frühjahrsmanöver „Team Spirit“ verzichten.

Folgt dem Umbruch in Osteuropa nun der Aufbruch in Nordostasien? Politiker in Seoul vergleichen das Kooperationsabkommen vom Dezember mit dem Grundlagenvertrag zwischen der Bundesrepublik und der DDR aus dem Jahre 1972. Schon im März, heißt es in der südkoreanischen Hauptstadt, könnten sich Kim II Sung und Roh Tae Woo zu ihrem ersten Gipfelgespräch treffen. Selbst der mißtrauische George Bush gab am zweiten Tag seines Besuches in Seoul zu, daß die Aussichten für einen Frieden in Korea heute besser seien „als zu jedem Zeitpunkt in den vergangenen vier Jahrzehnten“. M.N.