Salzlauge stellt die Sicherheit des geplanten Endlagers in Frage

Wenn er Glück hat, so verhilft dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Gerhard Schröder die Geologie seines Landes, eine juristische Schlappe auszugleichen. Bei Teufarbeiten in den unterirdischen Salzbergen von Gorleben, dem potentiellen Standort des nuklearen Endlagers der Bundesrepublik, sickert seit Anfang Dezember letzten Jahres Salzlauge in den Erkundungsschacht. Das aber könnte ein Indiz dafür sein, daß sich nun definitiv bestätigt, was Kritiker der Endlager-Pläne seit langem behaupten: Gorleben ist als Standort ungeeignet.

So hatte auch Gerhard Schröder geurteilt, als er Ende Juni 1990 bei Regierungsantritt der rot-grünen Koalition in Hannover erklärte: „Wir werden das Endlager für atomaren Müll in Gorleben nicht zulassen, weil wir überzeugt sind, daß ein sicherer Abschluß des gefährlich strahlenden Mülls von der Biosphäre im Gorlebener Salzstock nicht möglich ist.“

Schröder untermauerte seinen Standpunkt, indem er den weiteren Vollzug der Bonner Atommüllpolitik auf niedersächsischem Territorium blockieren ließ. Allerdings wurde er bald eines Besseren belehrt. Die Chancen, gegen das wasserdichte Weisungsrecht des Bonner Umweltministers juristisch zu bestehen, erwiesen sich nach genauer Prüfung als aussichtslos. Damit bleibt dem Land keine andere Wahl, als nach Recht und Gesetz nachzuvollziehen, was Töpfer vorschreibt.

Daß Niedersachsens Salzgebirge zur nationalen Atommüllkippe wird, läßt sich nur abwenden, wenn die salzige Bergwelt unter Tage tatsächlich ungeeignet sein sollte, den tödlich strahlenden Abfall sicher aufzubewahren. Ungeeignet wäre der Salzstock, wenn er trotz seines Millionen Jahre zählenden Alters zu unruhig oder zu wasserdurchlässig ist. Im letzteren Fall bestünde die Gefahr, daß der geplante Schachtbau „absäuft“. Außerdem könnte eines Tages Salzlauge in das potentielle Müll-Lager eindringen; als Folge würden die Lagerbehälter korrodieren und dabei dann Radioaktivität freigesetzt.

Bisher sind solche Möglichkeiten ignoriert worden. Obwohl bei den schon 1983 begonnenen Schachterkundungen in Gorleben eine Reihe unerwarteter Ereignisse eingetreten sind, hat das dem Bonner Umweltministerium unterstehende Bundesamt für Strahlenschutz immer wieder beteuert: „Die bisherigen Aussagen über die Eignungshöffigkeit des Salzstock Gorleben für die Endlagerung der vorgesehenen radioaktiven Abfälle wurden bestätigt.“ Soweit bei den bisherigen Arbeiten im Schachtgebiet wasserdurchlässige Risse entstanden, glaubte die Deutsche Gesellschaft zum Bau und Betrieb von Endlagern für Abfallstoffe (DBE), sie wirkungsvoll abdichten zu können. Nach dem jüngsten Wasser- beziehungsweise Laugeneinbruch kritisierte Hannes Kempmann, atompolitischer Sprecher der Grünen in Hannover, nun: „Der Optimismus, den die DBE in der Öffentlichkeit verbreitet, entbehrt jeder Übereinstimmung mit der Realität und gefährdet das Leben der Schachtbauleute in unverantwortlicher Weise.“ Das jüngste Ereignis bestätigt, was der Kieler Geologe Professor Klaus Duphorn seit langem befürchtet. Er war aufgrund seiner Untersuchungen schon vor Jahren zum Ergebnis gelangt, der Salzstock in Gorleben sei wegen wahrscheinlicher Wasser- und Laugeneinbrüche für ein Endlager ungeeignet. Duphorns Urteil wurde jedoch ignoriert, obwohl er sogar von Amts wegen als Gutachter bestellt worden war und damit keineswegs zur Antiatomfront gehört. Ob der jetzige Vorfall in etwa 260 Meter Tiefe des Erkundungsschachts Gorleben I das Gesamtprojekt gefährdet, ist allerdings auch noch nicht erwiesen. Das hängt vom Ausgang der Ursachenforschung ab, die von der niedersächsischen Umweltministerin Monika Griefahn angeordnet wurde. Erste Ergebnisse sollen schon Mitte Januar vorliegen.

Wolfgang Hoffmann