Manchmal muß auch ein Märchendichter lange auf die Erfüllung seiner Wünsche warten. 1825 bat der 22jährige Wilhelm Hauff seinen Stuttgarter Verleger um „eine gewisse Eleganz im Aeußern ... und einige Kupfer“ zur Bebilderung seines ersten „Mährchen-Almanachs“. 166 Jahre dauerte es, bis der Metzler-Verlag, wenn auch nur dem ersten Teil, seiner Bitte nachkam: in Seide gebunden und in einen hübschen Schmuckschuber gesteckt, erschien anno 1991 ein unveränderter Nachdruck der ersten Ausgabe von 1826.

In kaum einer Märchensammlung für Kinder fehlen die inzwischen weltberühmten Kunstmärchen. Notgedrungen bleiben sie dort jedoch isoliert, ohne die rahmende Erzählhandlung der Almanache. Im ersten Almanach – „Die Caravane“ betitelt – erzählen sich fünf Kaufleute während eines Rittes durch die Wüste fünf Geschichten, um sich die quälende Wartezeit in den heißesten Stunden des Tages zu verkürzen. Kunstvoll kreuzt Hauff den äußeren mit dem inneren Teil der Märchen und Novellen, so daß schließlich eine Enthüllung die nächste jagt.

Einige Schwächen der Erzählkonstruktion sind jedoch nicht zu übersehen. Überdeutlich müssen die Figuren dem Leser vorführen, welche gefühlsmäßigen Reaktionen vom Autor beabsichtigt sind. Nicht mit einem Fingerzeig, sondern einem Faustschlag weist Hauff den Leser auf den intendierten Sinnzusammenhang hin. Er glaubt wohl, den „Söhnen und Töchtern gebildeter Stände“, an welche er seine Almanache adressierte, didaktisch auf die Sprünge helfen zu müssen.

Besonders die Kunstmärchen charakterisieren Hauff als Zeitgenossen des bürgerlichen Biedermeiers. Ob Kalif Storch, der kleine Muck oder der falsche Prinz – gerade die spannungsvolle Mischung aus schillernder, fremder Märchenwelt und gesellschaftskritischen Leitmotiven verdeutlicht die Zwänge der Zeit. Schon die allegorische Einführung zeigt die Notwendigkeit, die Gattung „Mährchen“ in das schützende und zierende Gewand eines Almanachs hüllen zu müssen. Denn so kann es, an den Kritikern vorbei, geradewegs in die kleinbürgerliche Familienstube geschmuggelt werden.

Dient hier die Verkleidung einem guten Zweck, so erscheint sie Hauff im gesellschaftlichen und individuellen Kontext als bedenklich. Er warnt vor der Versuchung des Geldes im frühkapitalistischen Deutschland, die zu rücksichtsloser Ausbeutung und inhumaner Haltung führt, innerhalb der nur mehr materielle Werte gelten. „Schuster, bleib bei deinen Leisten“ heißt die Parole, Bescheidenheit und Mäßigung werden zur Losung für Glück und „Reichtum“. Ausgesprochen von einem Muselmanen, wirkt diese Botschaft zunächst skurril, zeigt aber, wie sehr Hauff selbst der Verkleidung bedarf, um Kritisches zu übermitteln.

Der realistische Ton in seinen Märchen verwebt sich mit dem Einfall des Wunderbaren. Gewinnen die Märchen dadurch an Lebendigkeit, überwinden die Novellen kaum das durchschnittliche Maß. Sie sind packend geschrieben, stringent erzählt, bleiben aber an der Oberfläche und erreichen oft nur Unterhaltungswert. Ob Hauff von der Literaturwissenschaft als eklektisch und trivial oder aber als meisterhaft eingestuft wird – ihm ist immer noch zu wünschen, was Lessing für einen „wirksamen“ Schriftsteller voraussetzte: „Er werde weniger erhoben und dafür mehr gelesen.“ Ina Nefzer

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