Von Elisabeth Kiderlen

Ankunft in Teheran. Ich ziehe mir, wie die wenigen anderen Frauen an Bord auch, das Kopftuch tief ins Gesicht und knöpfe den dunkelfarbigen, knöchellangen Mantel zu. In der Abfertigungshalle blickt ein überlebensgroßer, gerahmter Ajatollah Chomeini die Ankömmlinge drohend an. „Ich bin seit elf Jahren zum ersten Mal wieder hier“, rechtfertigt eine bleiche Exil-Iranerin in der Warteschlange ihre Nervosität. Auch ich bin aufgeregt, hatten mich doch meine Freunde bis zuletzt mit schrecklichen Geschichten über Steinigungen und wildgewordene Sittenwächterinnen traktiert.

Aber erst mal bin ich wohlbehalten in der Hauptstadt des schwarzen Tschadors angekommen. In den Straßen ein Stöhnen, ein an- und abschwellendes Ächzen und Seufzen wie von einem lebendigen Wesen in Not. Stoßstange an Stoßstange schieben sich Automassen unter Hupen und Quietschen unablässig durch die breiten Straßen vorwärts. Wer die Schnauze vorn hat, darf fahren, das ist die einzig gültige Verkehrsregel, die den Darwinismus der Verkehrsteilnehmer aufs äußerste anheizt. Frauen mit einem Baby auf dem Arm und Kleinkindern, die sich an den Schößen des Tschadors festklammern, kämpfen sich durch die Autoflut. Unbeachtet springen die Ampeln an den Kreuzungen von Rot auf Grün und wieder auf Rot, überflüssiges Machwerk, das nur das Vorankommen hindert.

„Die Seele dieser Stadt ist zum Teufel gegangen“, räsoniert der Privatgelehrte Moulana, an den ich von Freunden in Frankfurt verwiesen wurde. Um mir den Teheraner Süden zu zeigen, quetscht er seinen verbeulten Wagen an Läden, Werkstätten, Teestuben, Schnellimbissen, dunklen Gassen, kleinen erleuchteten Gebetsstuben und Menschenmassen vorbei. Ich möchte aussteigen, die Stadt erforschen, doch er läßt sich nur mühsam zum Anhalten überreden. „Es ist gefährlich“, meint er nervös, „wir könnten aufgefordert werden, einen Heiratsausweis zu zeigen. Unverheiratet dürfen ein Mann und eine Frau nicht zusammen Spazierengehen, aber ein kurzer Gang ...“

An den Straßenrändern verscherbeln junge Männer teuer die Medikamente, die zu staatlich subventionierten Billigpreisen in den Apotheken landen sollten. „Alle hetzen, sind unfreundlich, hauen einander übers Ohr, es ist noch schlimmer als unter Reza Pahlevi“, faßt Moulana die Stimmung in der Stadt zusammen. Die Inflation rennt den Gehältern davon, für viele langt ein Job nicht mehr aus, Überleben wurde unter den Mullahs zum Kampf. Teheran unter Streß.

Irans Hauptstadt ist riesig, stinkend und häßlich. Keine Zauberstadt des Orients, sondern eine überquellende, wildwuchernde, moderne Dritte-Welt-Metropole mit einem armen Süden, wo die Massen der leicht aufputschbaren Revolutionsanhänger wohnen, und einem wohlhabenden Norden, wo sich hinter hohen Mauern die Gärten und Wasserbecken der Befürworter der Westöffnung Irans verbergen. Der Nord-Süd-Weltkonflikt en miniature: Der Süden, heiß, versmogt, überbevölkert, das ist die erste Station der entwurzelten Landbevölkerung, die in die Hauptstadt drängt; der Norden, das ist der Aufstieg, das ist das Ziel.

„Besuchen Sie Isfahan.“ Nach sekundenlangem Zögern reicht mir der Führer im Teheraner Altertumsmuseum entschlossen die Hand, obwohl es für Muslime verboten ist, eine andere als die eigene Frau zu berühren. Aber der Händedruck soll seine politische Orientierung kundtun. „Sie können ganz beruhigt sein“, sagt er, „für Ausländer ist es wieder sicher hier. Auch für alleinreisende Damen“, fügt er lächelnd hinzu, „und außerhalb von Teheran ist der Iran ein herrliches Land.“