Seit Jahren durchgeht, durchschreibt, durchquert der Schriftsteller Paul Nizon die Stadt, die Städte: London, Barcelona, Rom, Paris. Schon die Titel seiner Werke – „Die gleitenden Plätze“: vor 32 Jahren seine erste Veröffentlichung, oder „Am Schreiben gehen“, seine 1985 gehaltenen Frankfurter Poetikvorlesungen – sprechen von dieser Bewegung. Nur daß dieses Gehen sich allmählich zum bedrängten Marschieren wandelt. Mit Rom oder Paris, wie Nizon sie gekannt hatte, ist es vorbei. Paris, wo der Autor seit 1976 mit Schweizer Paß und deutscher Sprache lebt, ist eine andere Stadt geworden: Überall sind platzsuchende und platzwechselnde Völker eingerückt – klagt Nizon in seinem Aufsatz „Im dunklen Erdteil von Paris“, der jetzt in dem Sammelband „Über den Tag und durch die Jahre“ enthalten ist.

Nizon hat seine journalistischen Arbeiten gesammelt, Texte über Fellinis „Amarcord“ oder Bertoluccis „Letzten Tango in Paris“, über van Goghs Kunst, über Hamsuns, Beppe Fenoglios oder „Robert Walsers Poetenleben“. Enthalten sind ein „Exkurs über die französische Frau“, ein „Versuch über das Sehen“, miniaturhafte, literarische Skizzen über die „Zigarettenlänge“ oder einen Parkplatzwächter in Rom. Aber erst mit seinem Epilog auf Paris zeigt er, wie der Staub der Vergangenheit – denn etwas überholt wirken manche Depeschen heute schon – plötzlich zum Wirbel der Gegenwart werden kann. Der Autor, „im Stall der Stadt mittendrin“, von Bildern und Lektüren gesättigt, versucht sich gegen die Fremden in Paris zu behaupten. Unter dem Mansardendach eingesperrt, sieht er „halbnackte dunkelhäutige Leiber auf Lagern hingestreckt oder in Fenstern hängen“: „Und von den Musikanlagen dröhnt ihre Musik ohne Ende und ohne Rücksicht, ein Leiern und Stampfen, ein Tollhaus von Tamtams. Es ist die Stimme ihrer Identität; wo aber bleibt meine Identität? meine Privatheit, mein Recht – Du kannst also nicht mehr auf deine Weise leben, nurmehr partizipieren.“

Paul Nizon beschreibt hier – Untertitel: „Der Rassismus in dir selber“ – die instinktive Selbstbehauptungsreaktion eines Europäers, der sich aus seinen Plätzen, seinem Kontinent und seiner Epoche hinausgedrängt fühlt und der so ehrlich ist, den massenhaften Andrang fremder Menschen weder als Folklore noch als negritude oder „Primitivismus in der Kunst“ assimilieren zu können. Die multikulturelle Gesellschaft oder die Vielfalt sind nur Parolen angesichts dieses gewaltigen „Hereinbrechens der Ränder“, angesichts der von uns verschuldeten Armut, die jetzt ihr „Afrika“ bei uns einrichtet. Geschrieben im Jahre 1984. Heute ist in den Banlieus längst Krieg.

Im Nachwort schreibt Nizon, er wolle mit diesem Buch lediglich das „andere Geschäft“ dokumentieren, das auch zum Poetenleben gehört. Dieser Band sei eine „Musterkollektion“. Doch er leistet mehr. Er ist Nizons Rückschau auf den eigenen Lernprozeß. In Nizons Schreibhaltung scheint sich ein Wandel abzuzeichnen. Früher sammelte er seine Erfahrungen auf der Straße, um die Impressionen aus dem „Geschiebe und Geflute“ der Außenwelt pointillistisch zu skizzieren. Jetzt würde er lieber „sehr viel versenkt haben an Eindrücken, Bildern, Erfahrungen, Schmerzen, Lüsten, an Leben“. Wozu? Um aus der Distanz Geschichten erzählen zu können, gar Epen, Romane oder Sagen? Oder will sich der Flaneur Nizon, wie 1989 „Im Bauch des Wals“ angedeutet, noch mehr aus der Zeit und der Welt entfernen?

Oft sind solche überraschend, scheinbar unbegründet erscheinende Sammelbände Epiloge auf etwas, das zur Vergangenheit wird, und zugleich Vorboten eines ganz neuen Abschnitts. Was werden wir demnächst von Paul Nizon lesen?

Maria Gazzetti

  • Paul Nizon:

Über den Tag und durch die Jahre Essays, Nachrichten, Depeschen; Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1991; 201 S., 34,– DM