Von Wolfgang Thierse

In einer sehr nüchternen, fast farblosen Spra-

che legt Horst Teltschik sein Tagebuch über die Zeit vom Fall der Mauer am 9. November 1989 bis zum Vollzug der Einheit am 3. Oktober 1990 vor. Es handelt sich um Notizen, Notate, es geht um. subjektive Authentizität. Man ist Zeuge gewesen, das gilt es zu belegen.

Teltschik beschränkt sich auf Ereignisse, an denen er selbst beteiligt war. Im Zentrum der Berichterstattung steht deshalb der Prozeß der außenpolitischen Absicherung der deutschen Einigung. Diese Selbstbeschränkung ist sicher der Grund dafür, daß er zum Beispiel den Bruch der Koalitionsregierung de Maizières im August 1990 nicht einmal mehr zur Kenntnis nimmt.

Das Buch enthält zwar keine Neuigkeiten, aber es belegt Bewertungen, die schon Allgemeingut geworden sind: die enge Verzahnung zwischen der Deutschlandpolitik des Bundeskanzlers und der Wahlkampfplanung des CDU-Vorsitzenden etwa. Schwerlich läßt sich die Behauptung aufrechterhalten, die Regierung habe die sozialen und ökonomischen Probleme der deutschen Vereinigung nicht vorausgesehen. Bereits im Januar und wieder im April 1990 ist im Bundeskabinett darüber gesprochen worden.

Nur zwischen den Zeilen, gelegentlich auch etwas deutlicher, erkennt der Leser, daß die Regierung de Maizière lediglich ein Objekt der Bonner Politik war. Ein DDR-Bürger wie Lothar de Maizière, der im November 1989 noch an Sozialismus als etwas Erstrebenswertes jenseits der realsozialistischen Perversionen denken konnte, war dem Kanzler höchst suspekt. Offenbar hat de Maizière auch mit seinem anfänglichen Zögern, einer schnellen Vereinigung zuzustimmen, das Kanzleramt enttäuscht, das von der Regierung de Maizières die Chance zu „vernünftigen“ Gesprächen über die Artikel-23-Vereinigung erwartet hatte.

Der Wert des Buches liegt in den Fragen, die es aufwirft, in der Erinnerungsarbeit, die es dem Leser auferlegt. Es ist eine anschauliche Ausleuchtung der Art und Weise politischer Entscheidungsprozesse in der Regierung Kohl, sicher übertragbar auf weniger dramatische Ereignisse als die der rasanten deutschen Einigung.