Mitglieder des Europäischen Parlaments erheben den Vorwurf, daß in Albertville Umweltgesetze mißachtet worden sind. Dieser Fehler dürfe sich bei künftigen Olympischen Winterspielen nicht wiederholen.

Für Karl Partsch, seit Jahren im Naturschutz engagiert und Mitglied des Straßburger Europaparlaments, sind in Albertville, dem Austragungsort der Olympischen Winterspiele, irreparable Schäden entstanden. Diese Umweltsünden listet er in einem offenen Brief an den Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees auf. Das Ziel dieser Aktion: Der Fall Albertville soll sich nicht wiederholen. Dieser Meinung sind auch fünfzig Europaparlamentarier, die den Appell unterschrieben haben.

Jeux exemplaires, „beispielhafte Spiele“, sollten es werden – auch im Hinblick auf ein gewachsenes Umweltbewußtsein. Doch der versprochene behutsame Umgang mit den Natur-Ressourcen der Alpenregion fand nicht statt. In den dreizehn beteiligten Gemeinden der Region Savoyen wurde im Wortsinn „geholzt“, wurden rund 6000 Bäume gefällt.

Ungeachtet der gesetzlich vorgeschriebenen Umweltverträglichkeitsprüfung würden – so der Vorwurf der Parlamentarier – in Les Menuires 190, in Méribel 230 Schneekanonen eingesetzt. Mehrspurige neue Straßen führten in den Alpentälern zu erheblichen Belastungen. Albertville sei zu einem „ökologischen Negativbeispiel“ geworden, so die Kritiker. Es entspräche nicht dem olympischen Sinn der Völkerverständigung, wenn ein ganzer Landstrich für eine vierwöchige Veranstaltung zerstört würde.

Schweizer Wissenschaftler, unter ihnen der renommierte Umweltexperte Jost Krippendorf, reden seit längerem dezentralen olympischen Austragungsorten das Wort. Wer sich um olympische Ehren bewerbe, müsse bereits über eine entsprechende Infrastruktur verfügen und sie nicht erst im Hauruckverfahren und unter Mißachtung ökologischer Schutzgesetze aus dem Boden stampfen.

Offene Ohren für seine Kritik fand Partsch nach eigenen Angaben beim Hauptsponsor der Olympischen Spiele 1996, bei Coca-Cola in Atlanta. Dort begriffen die Verantwortlichen wohl sehr schnell, wie imageschädigend der Nachweis sein könnte, daß ihre Sponsorgelder letztlich zur Umweltzerstörung mißbraucht würden. In Amerika reagieren die Unternehmen schnell, wenn sie Gefahr laufen, öffentlich in Mißkredit zu geraten.

Um die Ehre, die künftigen Winterspiele ausrichten zu dürfen, haben sich inzwischen mehrere europäische Länder bemüht, unter ihnen die Gemeinde Jaca in den spanischen Pyrenäen. Dieser Umstand, so Partsch, habe die Europavertreter Spaniens plötzlich „wachgemacht“ und zu dem offenen Brief bewogen. R. N.