Von Esther Knorr-Anders

Was man hat, ist nichts mehr, was man zu haben wünscht, ist alles“ – das war ein Leitsatz, Lebensmotiv des Fürs:en Hermann von Pückler-Muskau, eines Menschen, der den Vergleich mit anderen großen Abenteurern der Weltgeschichte nicht zu scheuen braucht. Seine Bizarrerien machen ihn – trotz fürchterlicher Charaktereigentümlichkeiten – für den heutigen Leser nahezu liebenswert. Pücklers Zeitgenossen sahen das natürlich anders. Heinz Ohff, jahrzehntelang Feuilletonchef beim Berliner Tagesspiegel, hat sich der faszinierenden Lebensgeschichte des „grünen Fürsten“ mit spürbarer Sympathie angenommen.

Zu Beginn trägt Ohff ganze Berge abschätziger Urteile über den Grafen, später gefürsteten Pückler zusammen. In dessen Geburtsort Muskau an der Görlitzer Neiße wurde noch 1906, also 35 Jahre nach des Fürsten Tod, durch einen Festredner vor ihm gewarnt: „Hier haben allein Wahrheit und Gerechtigkeit das Wort zu sprechen. Solange sie gelten, wird der Mensch Pückler keinen anderen – Ruhm beanspruchen können als den, daß er gute bürgerliche Sitte und Moral mit Füßen trat.“ Rücksichtnahme auf die Bürger von Muskau war dem Fürsten wahrlich nicht nachzusagen; im Gegenteil, er neigte zu Scherzen brutaler, ja grausamer Art, die unvergessen blieben.

Überheblich bis zur Unerträglichkeit, brüskierte er bereits als Heranwachsender die Menschen seiner Umgebung. Der eigene Vater wurde durch die Verschwendungssucht des Sohnes zum gequälten Opfer. Pückler junior genoß es, Staunen zu erregen, Skandale zu verursachen. Erst spät verfeinerte sich sein Geschmack; die Eskapaden wurden erlesener. Mochten die Zeitgenossen auch seinen Charakter nicht, so waren sie dennoch von seinen Auftritten, Staffagen entzückt. Seine zweifellos vielseitigen Begabungen trieben den jungen Mann von Abenteuer zu Abenteuer, bei denen er oft Regisseur und Protagonist in einer Person war. Die zahlreichen Duelle erwiesen sich als Folge erotischer Verstrickungen, die durch zeitgenössische Briefe diskret, aber unmißveiständlich offenbart werden. Frauen höchster Gesellschaftskreise, Künstlerinnen von Rang und Namen, schlichte Bürgertöchter – wie Don Giovanni füllte der leicht Entflammbare sein Liebesregister.

Selbst nach erfolgter Eheschließung mutete er seiner Frau Lucie, Reichsgräfin von Pappenheim geborene Hardenberg, zu, unter einem Dach mit Machbuba zu leben, einer bildschönen Orientalin, die er als Sklavin auf einem Markt in Ägypten gekauft hatte und – hierin dem Beispiel des Grafen von Gleichen folgend – mit in die Heimat brachte. Lebensbedrohlich wurde dem Individualisten schließlich der Dämon Verschwendungssucht. Auch Gattin Lucie konnte ihn nicht davor bewahren. Um seiner Schulden Herr zu werden, ließ sich Pückler pro forma von Lucie, seiner geliebten „Schnucke“, scheiden. Im Einvernehmen mit ihr reiste er nach England, um eine reiche Frau zu kapern. Zu seinem großen Erstaunen ging die Kalkulation nicht auf; die Ladies waren Pragmatikerinnen und darüber hinaus vermutlich vorgewarnt.

Die Reisen quer durch Europa, in den vorderen Orient und nach Afrika hatten ihn zum Weltmann und berühmten Briefschreiber werden lassen. Ohff schildert ausführlich das Werden des Schriftstellers Pückler-Muskau, dessen scharfe Beobachtungsgabe, glänzenden Stil und Esprit. Pücklers anonyme „Briefe eines Verstorbenen“ und „Tutti Frutti“ wurden schon deshalb Bestseller, weil sie profunde Zeitkritik enthielten. Heinz Ohff meint, ohne das schriftstellerische Werk Pücklers würden wir sehr viel weniger über die kulturgeschichtlichen Gegebenheiten des 19. Jahrhunderts wissen.

Lebenslang mit seinem vielseitigen Ich beschäftigt, zeigte sich Pückler politisch kaum interessiert. Zwar galt seine Neigung Preußen; er schätzte Berlin und vornehmlich schätzte er die dort anwesenden Künstlerpersönlichkeiten. Erst das Zauber- und Schlagwort „Freiheit“ riß ihn mit. In den Befreiungskriegen wurde er 1813 Major in russischen Diensten, dann Generaladjutant beim Großherzog von Weimar, 1814 preußischer Oberstleutnant. In seinem Buch „Briefe eines Verstorbenen“ bezeichnet sich Pückler als Republikaner; kurz darauf analysiert er sich in „Tutti Frutti“ als „hochmütig von Geburt und Erziehung und liberal durch Nachdenken und Urteil“. Das erklärt seine zwiespältige Haltung im Revolutionsjahr 1848: „Ich war während der Revolution in Berlin, ein unerquicklicher Zustand, denn die Regierung ist erbärmlich und das Volk unreif in jeder Hinsicht zu dem, was es will.“