Wie mit einem Erfolgsautor umgehen? Ihn ignorieren und lieber über andere, unbekannte Bücher sprechen? Ihn lesen und notgedrungen verreißen? Oder ihn lesen und loben, wenn sich schon genügend gefunden haben, die ihn schlecht finden? Schwierig bleibt es in jedem Fall, vor allem wenn ein Autor wie Patrick Süskind ein Buch vorlegt, das sich unauffällig als Geschichte einer Kindheit verkauft. Schwierig vor allem, wenn das Buch so gut ist, daß man den Namen Süskind am liebsten vergessen und verschweigen möchte, um keinen aus Trotz vom Lesen abzuhalten.

„Die Geschichte von Herrn Sommer“ ist nicht nur eine Erzählung aus der Kindheit, sie ist auch eine Kindergeschichte – mit dem Herzen erzählt und mit dem Kopf geschrieben. Beim flüchtigen Lesen mögen die Episoden banal erscheinen: die ersten Versuche, radfahren zu lernen, ein mißglücktes Treffen mit dem lange verehrten Mädchen aus der Klasse, die entsetzlichen Qualen bei der ältlichen Klavierlehrerin. Leichtfüßig, fast wie im Vorübergehen, ziehen die Geschichten vorbei, wäre da nicht Herr Sommer, der sie immer wieder überholt, ihren Weg kreuzt oder sie, am Horizont dahineilend, begleitet. Herr Sommer läuft durch das Buch, rennt vielmehr, mit einem Spazierstock als drittem Bein, ohne Ziel, ohne etwas zu erledigen oder jemand zu besuchen. Läuft nicht aus Muße, nicht aus Lust, sondern gehetzt, unansprechbar, vom frühen Morgen bis tief in die Nacht. Jeder kennt Herrn Sommer, und niemand weiß etwas über ihn.

Keine Kindheit ohne einen Herrn Sommer. Undurchschaubar, unfreundlich, von den Eltern mit dunklen Bemerkungen bedacht, eine anziehende Bedrohung, die sich am Ende der Kindheit langsam im Nichts verliert. Und so verschwindet auch Herr Sommer am Schluß der Erzählung. Ganz undramatisch stakt er in den See, zügig und selbstverständlich, bis nur mehr sein Hut auf dem Wasser treibt. Seine Zeit ist vorbei, weil die Kindheit des Erzählers vorüber ist. Er hatte den Raum und die Jahre vermessen, wie eine Uhr laufend, die nur ihren Zweck erfüllt, wenn sie geht. Und ebenso wie man die Zeit manchmal aus den Augen verliert, tritt auch Herr Sommer in den Hintergrund, wenn es Wichtigeres zu erleben gibt.

Patrick Süskind hält die Waage im Gleichgewicht. Ohne Herrn Sommer wären die Geschichten zu leicht, ohne die vergnüglichen Erzählungen würde Herr Sommer zu schwer in die Tiefe ziehen. Doch Süskind kann noch mehr. Listig unterbricht er immer wieder den Erzählfluß – die Spätfolge eines frühen Kopfsturzes vom Baum –, um abzuschweifen, neu anzusetzen und sich vielmals für die Konzentrationsschwächen zu entschuldigen. Und dabei erläutert er wissenschaftlich und terminologisch korrekt, was ihm schon als Kind keinen Deut geholfen hätte. Der „mechanische Drehimpulserhaltungssatz“ beim mühsamen Versuch, auf dem Fahrrad das Gleichgewicht zu halten, die Galileischen Fallgesetze bei der Vorstellung, wie schnell er vom Baum dem Erdboden entgegenstürzen und damit den geplanten Selbstmord verwirklichen könnte. Und auch der Begriff „Klaustrophobie“, den seine Mutter zur Erklärung des panischen Gehens von Herrn Sommer verwendet, sagt ihm nicht viel. Herr Sommer hat Angst davor stehenzubleiben – das sieht er. Herr Sommer läuft dem Leben und damit dem Tod davon – das weiß er. Und damit wird Süskinds Erzählung auch zu einer Geschichte über die Diskrepanz zwischen Wissen und kindlicher Erfahrung, zwischen Planung und Zufall.

Wem das alles zu bemüht klingt, der kann beruhigt werden. Patrick Süskinds sprachlich-rhythmische Eleganz verleiht dem Buch eine Leichtigkeit – ohne leichtgewichtig zu werden –, die dem Schweren das Bedrückende und dem Nebensächlichen das Belanglose nimmt. Wie sich der Junge durch die Etüden von Herrn Hässler quäl: und beim geliebten Diabelli auch beim drittenmal das Fis verfehlt, weil sich ein eklig langer Rotzpopel der Klavierlehrerin auf die Taste verirrt hat, wie er den gemeinsamen Spaziergang mit der umschwärmten Carolina Kückelmann durch den heißgeliebten Park generalstabsmäßig ausklügelt – all das wird so witzig, anrührend und doch kunstvoll distanziert erzählt, daß nur bemühter Schwersinn dies als Schmunzelbüchlein empfinden. kann.

Vielleicht sind an diesem Mißverständnis aber auch die ausgezeichneten Bilder Sempes nicht unschuldig. Wo es dunkel wird, hellen sie die Geschichte auf, wo Herr Sommer zur gequälten Kreatur wird, bleiben sie in der Distanz der Totale. Eine gutgemeinte Bereicherung des Textes, die ihn aber unauffällig-freundlich ins unverbindlich Heitere zieht. Patrick Süskind hat ein anderes Buch geschrieben, ein wahres Kinderbuch. Eine Geschichte für jeden, der einmal Herrn Sommer gekannt hat. Konrad Heidkamp

  • Patrick Süskind: Die Geschichte von Herrn Sommer Mit Bildern von Sempé; Diogenes Verlag, Zürich 1991; 129 S., 26,80 DM

LUCHS 64 wurde von Ute Blaich, Jo Pestum, Barbara Scharioth und Konrad Heidkamp ausgewählt. Radio Bremen 2 kulturell wird seinen Hörern das Buch in der Sendung Literaturmagazin vorstellen (Redaktion: Marion Gerhard, Montag, 20. Januar, 14.05 Uhr).