Von George Tabori

„Einige meiner besten Freunde sind Schweine“ Aloisius Protz, Schlächtermeister

Weihnachten ist für mich und meine Freunde immer wieder ein Fest der Beklemmung, bedenkt man die unverminderte Beliebtheit von Schweinerippchen, Schweinswürstln, Schweinshaxn oder das entsetzlichste Grauen, Spanferkel mit einem Apfel in der klaffenden Schnute. Heuer wurde die übliche Bedrohung noch verschlimmert durch Benjamin Korns Ethik-Essay, veröffentlicht in meiner für ihre liberalen (?) Neigungen berühmten Lieblingswochenzeitschrift (ZEIT vom 20. Dezember 1991).

Ich will schnell hinzufügen, daß wir und meine Freunde, fair wie wir sind, angerührt, ja betroffen sind von Herrn Korns Argumenten, die wir vollkommen gutheißen bis auf die Gleichsetzung von Immoralität und „Schweinsein“, noch verschärft durch die den Artikel begleitende rassistische Illustration, die mich an den „Stürmer“ erinnerte. Sie hat den noblen, in alle Richtungen warnenden Kornschen Zeigefinger in einen aggressiven Mittelfinger verwandelt, der ungemütlich unter unseren Ringelschwänzchen stochert.

Ich und meine Freunde sind nicht so naiv, daß wir die archaische, linguistische Infamie, mit der das Tierreich mit dem Bösen gleichgeschaltet wird, übersehen würden. Das „Menschliche“ wird (natürlich von den Menschen) bis in alle Ewigkeit hochgehalten, während das „Tierische“, mit Ausnahme von Lämmern, Schmetterlingen oder Nachtigallen, als verwerflich oder gar kriminell hingestellt wird. Die Alltagssprache ist voller böser Bullen, läufiger Hündinnen, gefräßiger Raupen oder dummer Gänse oder Puten (besonders in dieser dunklen Jahreszeit). Die Schlange galt in früheren Zeiten als Symbol des Heilens und nicht nur als teuflische Verführerin, aber bald war nur noch von einem „Geschlecht von Vipern“ oder von der am Busen genährten die Rede.

Lassen Sie mich, um die mannigfaltige metaphorische Verleumdung zu veranschaulichen, Lears Aufschrei gegen den Mißbrauch von Autorität anführen, als er vom „Hund im Amte“ sprach; Unsinn oder Schwierigkeiten machen nennt man „Zicken machen“, und die Versprechungen der Politiker werden als Bockmist angeschwärzt. Heutzutage wird jede sich verweigernde junge Dame als bitch = Hündin bezeichnet, ganz zu schweigen von dem beliebtesten angelsächsischen Schmähwort son of a bitch = Sohn einer Hündin. Welch finstere Pathologie steckt hinter dem Brauch, des Menschen besten Freund, besonders die weibliche Ausprägung, zu beleidigen, indem man ihn auf ein beliebiges Objekt der Verwünschung reduziert?

Und was ist mit der marxistischen Utopie, wenn der Mensch aufhört, „des Menschen Wolf“ zu sein? Ich und meine Freunde haben nur die besten Erfahrungen mit den letztgenannten Anarchisten gemacht, die nur der Hunger zum Töten treibt, wobei sie nie aufeinander losgehen, sondern auf irgendein verirrtes Schaf. Darüber sollten die Anti-Wölfe mal nachdenken, während sie am Sonntag ihre Lammrippchen verschlingen, mit oder ohne Knoblauch.