Für normale Moskauer Bürger ist auf dem Markt kein Quadratmeter mehr zu haben

Von Maria Huber

Mitja ist ein Wunschkind und mit seinen zweieinhalb Jahren auch noch ein durchaus glücklicher Mensch. Das einzige, was ihm fehlt, ist Platz, denn sein Bewegungsdrang ist groß, und der Raum ist eng: Mitja lebt mit seinen Eltern Lena und Sascha Sorokin in Moskau in einer Einzimmerwohnung von siebzehn Quadratmetern. Schon lange sucht Sascha eine um wenigstens fünfzehn Quadratmeter größere Wohnung. Im abgelaufenen Jahr hat er allein fünfzehn Wochen mit Suchen verbracht. Es hat nicht gereicht.

Hoffnungen hatten die Sorokins anfangs in einen Wohnungstausch gesetzt. Sie sind beide promovierte Soziologen und verdienen ganz gut. Einige tausend Rubel haben sie auf die hohe Kante gelegt, um die „Wertdifferenz“ stets zur Verfügung zu haben. Sie annoncierten, schalteten Makler ein, verhandelten tagelang mit Interessenten – vergeblich. Zwar meldeten sich viele, die interessiert schienen, doch wollten sie oft nur ihr Redebedürfnis ausleben. Eine geschiedene Mittvierzigerin erzählte Sascha viermal ihre Lebens- und Leidensgeschichte; als sie sich „ausgesprochen“ hatte, war sie am Wohnungstausch nicht mehr interessiert.

Im übrigen kommt ein Tausch selten allein. Es bilden sich Ketten von mitunter bis zu zwei Dutzend Parteien, die dann alle „auf einmal“ umziehen. Eine solche Konstellation wechselseitiger Interessen zu „erarbeiten“ verlangt den ganzen Menschen auf Monate.

Die Situation ist absurd. Für einen Quadratmeter Zimmer zahlen die Sorokins im Monat 16,5 Kopeken an den Staat. Mit allen Nebenkosten – Telephonanschluß, Heizung, Wasser, Gas, Elektrizität – addiert sich ihre Miete auf fünfzehn Rubel. Soviel kostet, bei der Hyperinflation, inzwischen ein Glas Konfitüre oder ein halbes Pfund Butter. Die Rechnung erscheint noch grotesker, wenn man bedenkt, daß nach sowjetischem Mietrecht nur die reinen Wohnflächen zählen, Küche und Nebenräume nicht.

„Dabei macht es keinen Unterschied, ob du in einem luxuriösen Nomenklatura-Haus oder in einer abbruchreifen Mietskaserne lebst“, sagt Sascha. „Die Witwen und Enkelkinder aller Parteibonzen aus dem vergangenen halben Jahrhundert – und der heutige Quadratmeter-Mietpreis ist noch älter – können ihre angestammten Riesenwohnungen für einen Spottpreis behalten. Wenn ihre Familien nur ein wenig zusammenrücken, können sie leicht eine Wohnung freimachen, um sie dann für astronomische Dollarbeträge an Ausländer zu vermieten. Interessenten gibt es genug. Wer bereit ist, zwei Jahre im voraus zu bezahlen, kann auch schnell irgendwo einziehen.“