Von Petra Kappert

An den letzten drei Montagen des Jahres 1991 hatte das deutsche Fernsehpublikum Gelegenheit, sich von Peter Scholl-Latour über eines seiner großen Anliegen, „den Islam im zerfallenden Sowjetreich“, belehren zu lassen. Ahnend, daß „man gewissen Schicksalszwängen“, also der Chronistenpflicht, „nicht entrinnt“ (Scholl-Latour), hat der Autor auch gleich – rechtzeitig noch für den Gabentisch – das Buch zum Film mit dem stimmungsvollen Titel „Den Gottlosen die Hölle“ auf den Markt gebracht. Also „zum Heiligen Abend der Heilige Krieg“.

Serie und Buch tragen den gleichen Titel; der als Nahostexperte geltende Autor fühlte sich dazu durch einen Koranvers inspiriert, dessen Sinn er allerdings entstellt: Der Vers verheißt den Ungläubigen und Frevlern einen Platz in der Hölle – am Ende aller Tage, Christen würden sagen, beim Jüngsten Gericht. Scholl-Latour interpretiert den Vers als Devise einer islamischen Sofortjustiz, in deren Namen das „Schwert des Islam“ bereits unermüdlich gewetzt und geschwungen wird.

Beeindruckt können Zuschauer und Leser abermals vermerken, daß zu jedem sich anbahnenden größeren Konflikt, die islamische Welt betreffend, Scholl-Latour mit Filmserie und Bildband augenblicklich zur Stelle ist, ja gelegentlich sogar schneller als das Leben. Hat er also, als vorausschauender Chronist, das Ohr pausenlos am Puls der Zeit, bemüht „um die Aufspürung des Zeitgeistes, um die Voraussage, die Deutung des Kommenden“ (Scholl-Latour)? Eine andere Antwort erscheint mir zutreffender: Bücher und Filme geben keineswegs neue Erkenntnisse wieder. Vielmehr treffen wir auf vorgefaßte, stereotype Antworten und Behauptungen, die Scholl-Latour seit jeher parat hat, in welch neuem Gewand sich ihm Probleme und Fakten auch darstellen mögen.

Überall lauert der Fundamentalismus, ob im Reisfeld, in den arabischen Metropolen, im Maghreb, in Marseille und Berlin und nun auch in Moskau. Eine Million Muslime lebt dort und ist natürlich bedrohlich. Auch in Zentralasien heben sie das Haupt. So lautet die Botschaft des Experten. Das Phänomen sei überall das gleiche, seine Erscheinungsformen variierten nur unwesentlich. Und wieder einmal deckt sein Buch „das ganze Ausmaß der Bedrohung“ auf, so wenigstens die Verlagsankündigung.

Warum verfängt dieses dürre Stereotyp, warum frappiert sein Autor Leser und Zuschauer mit Klischeebildern von der Festung eines „weißen“ Europa, dem Hort der Zivilisation, des Geistes und des Anstandes, dem Bollwerk gegen die asiatische Steppe und die hinterhältige Unberechenbarkeit der islamischen Wüste? Weil er an abendländische, teils schon verschüttete Urängste appelliert? Der Erfolg von Scholl-Latours Wirken ist gelegentlich so charakterisiert worden: als ein Spiel mit Ressentiments und Feindbildern im Gewand von pseudoobjektiver Analyse und scheinseriöser Aufklärung.

Nach dieser Methode sind auch Scholl-Latours neuste Produkte geschneidert. Er unternimmt seit 1989 oder 1990 mit einem Kamerateam Reisen nach Sowjetisch-Zentralasien, offensichtlich aber mit einem Weltbild von 1958, für ihn, wie es scheint, das Jahr seiner historischen Schlüsselerkenntnisse, die seine „Deutung des Kommenden“ in den neunziger Jahren bereits entscheidend vorgeprägt haben. Damals haben ihn die Zustände im Libanon und der Krieg in Algerien so unauslöschlich beeindruckt, daß sie sich ihm unablässig als Standardvergleich auch mit völlig anders gearteten historisch-politischen Entwicklungen aufdrängen.