Endlich! Eine knallharte literarische Debatte zum Jahresbeginn

So grau wie das Jahr losgeht und sich wie Gries über die Gesichter der nettesten Leute legt, so darf es nicht weitergehen. In Hamburg liegt der Backstein unter strengem Nebel, in München fällt auch kein Schnee, und in Berlin ziehen die zerknitterten Silvesterschlangen ihre einsamen Kreise auf den schmuddeligen Pflastersteinen. Was uns hier oben, im Norden der Welt, fehlt, ist klar: ein bißchen Wärme, ein bißchen Menschsein, ein bißchen richtiges Leben.

Die Sehnsucht im Herzen und die öde Drängelei im Autobus, die heftigen Gedanken im Kopf und die labbrigen Schnäpse im Bistro, so ist hier alles zusammengesetzt. Ein Riß geht durch unsere Welt, und nichts ist, wie es sein soll. Das weiß jeder. „Lebe wild und gefährlich“, sagt Arthur. Aber wie geht das?

Neidisch blicken wir in dieser eingezwängten Lage auf die junge Kulturavantgarde der Jahrtausendwende. In den großen Städten leben diese echten Partisanen, die junge Männlichkeit der Neunziger, in den hellen, lichten Räumen ihrer Guerilla-Unterkünfte. Es sind die rasenden Reporter, die Schreiber und Kolumnisten der harten Blätter, denen das echte Leben und das wilde Denken haste-nicht-gesehen beinahe täglich über das Glanzpapier huscht.

Stellen wir uns zum Beispiel einen Abend lang auf einen Wodka ins Münchner „Schumann’s“,oder setzen wir uns für einen Nachmittags-Whisky in die tiefen Empire-Möbel des New Yorker „Algonquin“. Mit einer gewissen Lässigkeit klimpert jemand im Hintergrund auf einem klapprigen Klavier eine verlorene Kindermelodie, und neben uns machen die jungen Lokalbesucher reinen Tisch. „Lebenslüge des liberalen Bürgertums ... Arschlochwelt ... lächerliche bourgeoise Zuckungen...“, so geht ihre Rede. Knallharte Sätze fliegen über die Theke, denn, das glauben die jungen Avantgardisten, solange die Welt schlecht ist, darf die Kunst nicht besser sein.

Das Theater zum Beispiel! Das Theater muß das Leben intensivieren, „statt es zur Kunst umzulügen“ (davon träumt Matthias Matussek/New York). Und die Literatur? Die Literatur soll „anständige Romane“ fabrizieren, die man in „einem Ruck“ durchlesen kann (Maxim Biller/München). Alles andere interessiert „keinen normalen Menschen“, denn in der „harten Jetztzeit“ braucht man nichts so dringend wie „total gute Laune“ (Rainald Goetz/München). So oder so ähnlich geht das immer weiter. Ach Arthur! Vor diesem epochenadäquaten Drive haben wir uns tief im Wodkaglas versteckt. „Lebe anständig und normal“, wer hat das zuletzt zu uns gesagt?

Vor der Normalität der Kulturpartisanen wird jeder, selbst Arthur Rimbaud, zu einem hochkulturell verblödeten Puddinggesicht. Doch ihre brandneue These von der lebensechten Kunst ist uralt. In unserer sei. Schulzeit wurde sie von den stets gutgelaunten Studienräten in sämtlichen Deutschstunden durchgenommen. Packende Protokolle, süße Verständigungstexte und existentielle Hemingway-Stories, Woche für Woche, irgendwie menschlich, normal und total kleinmaximäßig, wie sich der von uns so hochgeschätzte Schriftsteller Rainald Goetz in seinen irren Romanen früher noch auszudrücken pflegte.