Von Karl Holl

Noch heute nötigt Respekt ab, was Helene Stöcker zur theoretischen Begründung feministischer und pazifistischer Positionen formuliert hat. Jetzt endlich, 58 Jahre nach ihrem Tod,’ 68 Jahre nach ihrer Flucht aus Deutschland, wird dem Werk dieser ungewöhnlichen Frau eine biographische Würdigung zuteil. Früh brach Helene Stöcker mit dem sie einengenden pietistischen Milieu ihres bürgerlichen Elberfelder Elternhauses. Sie gehörte zu der kleinen Zahl von Frauen, die bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts die vielfältigen Widerstände bei ihrem Zugang zur Universität überwanden. Ihr Studium, in dem sie Anregungen besonders bei Werner Sombart, Wilhelm Dilthey und dem Literaturhistoriker Erich Schmidt empfing, schloß sie mit einer Dissertation zur Kunstanschauung des 18. Jahrhundert bei Oskar Walzel in Bern ab.

Bereits während ihrer Studienzeit beschritt sie den Weg zur Organisierung und öffentlichen Erörterung weiblicher Forderungen und Interessen. Folgerichtig fand sie sich bald auf dem radikalen Flügel der von der moderaten Richtung um Helene Lange und Gertrud Bäumer dominierten bürgerlichen Frauenbewegung. Der Bruch mit der Mehrheitsrichtung wurde unausweichlich, seit Helene Stöcker sich die Forderung nach Frauenstimmrecht zu eigen machte, noch mehr, seit sie sich solcher Probleme wie der Sexualreform, des rechtlichen Status sogenannter „unehelicher Mütter“ und deren Kinder, der Geburtenbeschränkung und anderer in der wilhelminischen Gesellschaft tabuisierter Themen annahm.

Als sie sich hierfür ihre eigene Tribüne mit der, Gründung der „Vereinigung für Mutterschutz und Sexualreform“ und als Herausgeberin der Zeitschrift Die neue Generation schuf, hatte sie längst ihren Standort in der zeitgenössischen Diskussion der „Frauenfrage“ bestimmt, und es war eine für die Verhältnisse vor dem Ersten Weltkrieg höchst provokante Position. Mit ihren Vorbehalten gegenüber der Ehe und mit ihren Ansichten über die Notwendigkeit einer Befreiung der Geschlechterbeziehungen aus den Fesseln bürgerlicher Konvention machte sie Ernst, indem sie eine durch keine Eheschließung bekräftigte lebenslange häusliche Verbindung mit einem geliebten Mann einging.

Die Erfahrung des Ersten Weltkrieges ließ sie zur unbedingten Pazifistin werden. Eindrucksvoll bleibt, wie seither frauenrechtlerische, lebens- und sozialreformerische mit pazifistischen Elementen in Helene Stöckers Denken zu fester Einheit verschmolzen. Daß eine solche, durch ein glaubwürdiges Leben bezeugte Haltung heute erneut achtungsvolles Erstaunen zu erwecken vermag, macht Christi Wickerts Buch deutlich, auch wenn ihre Bewunderung trotz der detailreichen, genauen Erzählung einer so bemerkenswerten Frauenvita eher etwas unterkühlt erscheint.

In der Weimarer Republik erreichte Helene Stöckers publizistische und organisatorische Tätigkeit unter äußerlich zunächst günstigeren Bedingungen ihren Höhepunkt, als sie, die für Kriegsdienstverweigerung und für das Prinzip absoluter Gewaltlosigkeit eintrat, innerhalb pazifistischer Organisationen herausragende Stellungen einnahm. Schließlich sollte auch sie ein Opfer der heftigen Richtungskämpfe in der deutschen Friedensbewegung werden. Da Christi Wickert offenbar für ein mit den komplizierten Vorgängen der Weimarer Friedensbewegung nicht vertrautes (Leserinnen-)Publikum geschrieben hat, müssen Fritz Küster und der von ihm geführte Westdeutsche Landesverband „Deutsche Friedensgesellschaft“ in diesem Zusammenhang gegenüber der aus der Luft gegriffenen Behauptung der Autorin in Schutz genommen werden, sie hätten für Helene Stöckers Geschmack zu sehr in der Nähe der KPD agiert und „Gewaltanwendung zur Durchsetzung einer sozialistischen Gesellschaft nicht prinzipiell“ abgelehnt.

Helene Stöcker selber stand politisch links, hielt jedoch Distanz zu den Parteien der Linken. Mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus erscheint das Dilemma des absoluten Pazifismus in ihr prägnant personifiziert. Das Ereignis des 30. Januar 1933 veranlaßte sie im März zur Emigration in die Schweiz. Ihre letzten Lebensjahre durchlebte sie, von häufigen Angina-pectoris-Anfällen heimgesucht, in bitterer Armut. Ende 1938 suchte sie Zuflucht in England. Während eines PEN-Kongresses in Stockholm wurde sie vom Beginn des Zweiten Weltkrieges überrascht. Nach der deutschen Besetzung Dänemarks Anfang April 1940 entschloß sie sich zur beschwerlichen Weiterreise durch die Sowjetunion nach Japan und von hier aus in die USA. Im November 1941 gelangte sie, inzwischen an Krebs erkrankt, nach New York. Hier starb sie im Februar 1943. Ihre Autobiographie hat sie nicht vollenden können.