Die Autorin ist Redakteurin beim privaten „Radio Regional“ für Heilbronn und Umgebung. In der Adventszeit hatte sie mit Hilfe eines „Promo“, einer Art Werbespot, zur Aktion „Gastfreundschaft“ gegenüber Ausländern aufgerufen: Hörerinnen und Hörer sollten animiert werden, über Weihnachten Flüchtlinge zu sich nach Hause einzuladen.

Wieso denn gerade Asylbewerber fragen die Kollegen in der Redaktion, „also wenn schon, dann würde ich doch in Kinderheime gehen und die Waisen nach Hause einladen!“ Auch dies wird eingewendet: „Du kannst von den Deutschen doch nicht verlangen, daß sie ihr geheiligtes Weihnachten, das Familienfest schlechthin, opfern! Und die Sprachprobleme? Schließlich sind das ja auch nicht alles Christen, viele sind Moslems. Die feiern doch gar nicht Weihnachten!“

Die Diskussionen in der Redaktion kochen hoch. Du hast leicht reden, wirft mir eine Kollegin vor. Du verdienst gut, hast keine Kinder. Ich sitze im Gemeinderat meiner Kleinstadt. Familien mit Kindern kriegen keine Wohnung, weil die alle mit Asylbewerbern besetzt sind. Sie stöhnen wegen der Steuern und sehen, daß den Asylbewerbern das Geld vorn und hinten hineingeschoben wird! Alle Turnhallen, alle Gasthöfe sind voll, und es kommen immer noch mehr! Wo sollen wir mit denen hin?

Ob sie wohl für das Geld, das den Asylanten „vorn und hinten reingeschoben wird“, mit ihnen tauschen würden, frage ich.

Das Promo „Gastfreundschaft“ läuft sechsmal am Tag, alle zwei Stunden. Die ersten drei Tage kommt keine Reaktion. Dann die erste Postkarte: Ein Ehepaar mit Kind will eine Asylbewerberfamilie einladen. Im Briefkasten des Senders liegt aber auch dieser Brief: „... Sagt man die Wahrheit, heißt es sofort, das ist ein Nazi. Deshalb anonym. Die sollen sich erst mal wie Gäste benehmen, aber nein: Mafia – Totschlägerbanden – Rauschgifthändler – ... Der normaldenkende Deutsche, der Sie nicht interessiert, ist schutz- u. rechtlos! ... Laden Sie welche ein?“ Ein zweiter anonymer Schreiber fordert, wir sollten „mehr inländerfreundlich“ sein: „Und wer denkt an die armen Deutschen?“

Vor allem abends rufen Hörer an: Es sei Zeit, daß mal wieder jemand aufräume, man könne doch nicht das ganze Pack einreisen lassen ... Ob wir auch Neger bei unserer Aktion hätten, man habe noch keinen Weihnachtsbraten ... Unnötig zu sagen, daß keiner der rund 35 Anrufer mit seinem Namen zu seinen Äußerungen steht.

Die Aktion „Gastfreundschaft“ schlägt Wellen, mit denen ich nicht gerechnet hatte. Eine Kollegin hat ihrem Mann und ihren beiden fünfzehn- und sechzehnjährigen Kindern vorgeschlagen, sich zu beteiligen. Die Kinder reagieren mit Empörung Es gibt heftige Diskussionen.