U-Bootskommandant, Freikorpsoffizier, Pastor, Widersacher Hitlers, KZ-Häftling, Gewissen der Nation

Von Wolfgang Gerlach

Martin Niemöller – der Kämpfer und Kommandant, der Preuße und Protestant – wurde vor 100 Jahren am 14. Januar in Lippstadt geboren. Wer war er in Wort und Wirkung? Heiliger oder Haudegen, Verkündiger oder Verräter? Er paßt in kein Schema gängiger Urteile und Maßstäbe: Verehrern verweigert er sich ebenso wie seinen Verächtern. Klischees prallen an ihm ab. So bleibt er auch posthum ein Sprengmeister aller Standbilder, die andere von ihm fertigen.

Auf dem Wege „vom U-Boot zur Kanzel“ hat er beruflich zwei Bereiche kombiniert, die auch der Sprache als Komposita vertraut sind, wenn sie von der „Bootsmesse“ und dem „Kirchenschiff“ spricht. Der „christlichen Seefahrt“ hat Niemöller den Kampf mit Kreuzern vorgezogen. Dabei soll die Lippe, die durch den Pfarrgarten des Elternhauses in Lippstadt floß, die Affinität des Vierjährigen zum Wasser begünstigt haben – zu einer Zeit, da er das Bett als Boot und das Laken als des Segels Linnen benutzt. Sämtliche Schiffstypen der deutschen Flotte zieren die Tapeten seines Kinderzimmers; und Martins Kommando, ausgestattet mit der Autorität des Erstgeborenen, sorgt dafür, daß die Geschwister die Spezifika dieser Armada auswendig herbeten können. Der selbsternannte Kapitän heißt seine Schwestern die Flaggen nähen, wie sie von ihm in seinen Schulheften zuhauf vorgezeichnet sind.

Nach glänzend bestandenem Abitur beginnen sich seine Träume zu erfüllen: Der Seemannsausbildung auf dem Schulschiff Hertha und dem Erwerb des Leutnantspatents folgen noch zwei Kriegsjahre des ungeduldigen Wartens auf den Einsatz im U-Boot-Krieg. Hier ist er in seinem Element: Sein abenteuernder Jagdtrieb auf der U 39 und der Triumph über Trophäen auf der U 73 bekommen rauschhaft euphorische Dimensionen, so daß die Verlobung mit der Lehrerin und Arzttochter Else Bremer nur eben zwischen zwei Feindfahrten unterzubringen ist.

Stationen wie die Auszeichnung mit dem „Eisernen I. Klasse“ und der Aufstieg zum U-Bootskommandanten gehören zum bleibenden Bestand der Erinnerung. Ein einziges Mal kommen ihm Skrupel bei dem euphemistisch sogenannten Kriegshandwerk: Taten wir recht – so diskutieren sie in der Offiziersmesse –, als wir den französischen Zerstörer beim Retten der über Bord gegangenen Soldaten behinderten, denn die Geretteten hätten ja wieder auf unsere Leute schießen können? Doch solche Fragen nach persönlicher Schuld, wiewohl später noch oft Gegenstand in Predigten und Vorträgen, versinken nach eigenem Bekunden im Unterbewußtsein und bewirken keinen inneren Wandel.

Ende 1918 nimmt die Geschichte des Seefahrers Niemöller ihr tragisches Ende: Die „Schande des 9. November“, die Kapitulation Deutschlands an allen Fronten und auf allen Meeren, wird für ihn zum dies ater seines Lebens. Sie findet für ihn ihre besondere Schmach in der Zumutung, sich an der (im Waffenstillstand ausbedungenen) Auslieferung der U-Boote an die Siegermächte zu beteiligen. Er verweigert den Befehl eines britischen Offiziers, den die übersteigerte Nationalgesinnung dieses Rebellen nicht unbeeindruckt läßt.