Spielverderber

Von Zeit zu Zeit gehen wir ins Kino und spielen das Product-Placement-Spiel: Welches Auto, welche Zigarettensorte, welches Duschgel erscheint da so verdächtig lange, so verdächtig schön auf der Leinwand? Das ist doch..., ist das nicht...? Wir raten. Am Ende des Films warten wir dann in unserem Kinosessel, und wenn wir richtig liegen, dann erscheinen am äußersten Ende des Abspanns die Namen der Auto-, der Zigaretten- und der Duschgel-Marke, auf die wir so selbstverständlich gekommen sind, und wir treten zufrieden in die kalte Nacht der Neonreklamen. Der Witz des Spiels: Es darf nicht zu einfach sein, es muß Raum für den Ehrgeiz bleiben, den wir als geübte Konsumenten entwickeln.

Zu den höheren Weihen des Spiels gelangt der Mensch freilich nicht im Kinosaal und auch nicht vor dem Fernseher: Schimanski im Citroën und Professor Brinkmann im Audi – das ist zu simpel. Erst auf den bunten Seiten der Zeitungen und Zeitschriften finden sich die großen Product-Placement-Rätsel dieser Zeit. Leider hat uns jetzt der Wiener das schöne Spiel für eine Weile vermiest. „500 Jahre Amerika“ lesen wir da auf dem Titelblatt, und wohin verrutscht unser Blick? Auf das Wort Levi’s. Leicht angewidert verziehen wir die Mundwinkel, nicht ahnend, was uns auf Seite 36 erwartet: „Die 100 Dinge, die unser Leben verändert haben“, ein Abc der „wichtigsten Errungenschaften des American way of life“, all jener Errungenschaften, ohne die die Welt „eine kulturelle Einöde“ wäre.

Was gibt’s da noch zu rätseln? Kultur sind Mars und Milky Way, sind Chips und Cornflakes, ist McDonald’s und Ketchup von Heinz: Kultur ist, wenn wir Coca-Cola trinken, Lucky Strike und Marlboro rauchen und uns zwischendurch ein Wrigley’s-Kaugummi reinschieben, vor dem Fernseher beim Genuß des Programms von MTV; Kultur ist, wenn wir zu Levi’s eine Ray Ban-Pilotensonnenbrille tragen und unseren Kindern Barbie-Puppen schenken. Wenn wir am IBM-Computer arbeiten und mit Xerox kopieren, wenn wir von einer Harley Davidson träumen und einem Cadillac, im Urlaub nach Kalifornien fahren und dort mit Kodak photographieren, wenn wir – ja, lesen tun wir auch – zu Mickey Mouse-Heften greifen, zu Rolling Stone und zum Playboy.

Und jetzt lesen wir auch den Wiener ganz genau, und siehe da: Marlboro, beziehungsweise Philip Morris, hat drei Vierfarbanzeigenseiten im Heft, Levi’s und MTV zwei, Lucky Strike eine.

Spielverderber! Mit so plumpen Vorlagen macht unser Spiel keinen Spaß. Unter den aufgelisteten Stichworten im Abc der kulturellen Errungenschaften findet sich auch der passende Kommentar: „Notfalls“, heißt es da unter F, „tut’s ein schlichtes ‚Fuck‘.“ Fuck!