Curt Bois

Wir erinnern uns: Bevor der deutsche Filmkünstler Wim Wenders aufbrach „Bis ans Ende der Welt“ (und dortselbst verlorenging), drehte er den schönsten intellektuellen Märchen- und Heimatfilm der achtziger Jahre, „Der Himmel über Berlin“. Die Hauptrollen darin spielten zwei Engel, ein grimmiger (Otto Sander) und ein inniger (Bruno Ganz). Die wichtigste Rolle aber, rätselhafter als alle Außerirdischen, war eine Nebenrolle: ein uralter Mann auf dürren Beinen, mit leuchtend unverschämten Kinderaugen, ein rastloser Wanderer im Niemandsland zwischen Berlin-Ost und Berlin-West (und zwischen Diesseits und Jenseits). Das war der letzte große Auftritt von Curt Bois – eine Figur, zusammengezaubert aus König Lear (ein Zehntel), Stadtstreicher (zwei Zehntel) und ewiger Entertainer (der große Rest). Bois, am 5. April 1901 in Berlin geboren, ist zeit seines Lebens der größte Fremdling (und Frechling) im deutschen Darstellergewerbe gewesen – er führte uns den Schauspieler nicht als Abkömmling der Seher und Priester vor, sondern als armen Vetter der Taschendiebe, Luden, Jongleure. Daß er seine schier endlose Karriere eher unseriös als Kinderdarsteller (Heinerle in „Der fidele Bauer“), als Salonhumorist und Operettenkomiker begann, hat er späterhin niemals unterschlagen, sondern entschlossen ausgebeutet. Die Nazis trieben ihn ins Exil – was er zu unvergeßlichen Kurzauftritten an der Seite Buster Keatons und in „Casablanca“ nutzte. Seine Rückkehr nach Deutschland kommentierte er mit dem Überlebensstolz des Komikers einfach so: „Nach zwölf Jahren ist ein Tausendjähriges Reich am Ende. Ich nicht.“ Und er behielt recht: Es begann seine größte Theaterzeit, mit Brecht (Puntila), vor allem aber mit Kortner, dessen Malvolio, Androklus und Eingebildeter Kranker er wurde. Kortner über Bois, in glühender Haßliebe: „Die Proben mit ihm bedeuteten Wochen höchsten Berufsglückes und verzweifelter Mordlust.“ Curt Bois starb (wenn es denn wahr ist) am Ersten Weihnachtstag 1991 in Berlin (erste Pointe). Die Nachricht von seinem Tod (zweite Pointe) erreichte die Welt erst, als das neue Jahr schon ziemlich alt aussah. Dritte und beste Pointe: Den schönsten aller schönen Nachrufe auf Curt Bois schrieb jetzt in der Welt Friedrich Luft – Luft, der genau ein Jahr und einen Tag vor Bois, natürlich auch in Berlin, gestorben ist. Nun, stellen wir uns vor, sitzen Curt und Fritz, die beiden Weihnachtsengel, auf der luftigsten Wolke im Himmel über Berlin und freuen sich teuflisch über ihren letzten Streich.