Italiens Marktführer Fiat kämpft um einen Weg aus der Krise

Von Friedhelm Gröteke

Fahre italienisch, damit die nationale Autoindustrie nicht unter die Räder kommt", so lautete die Schlagzeile einer doppelseitigen Gemeinschaftsanzeige der italienischen Autoindustrie. Sie erschien vor genau zehn Jahren in den Tageszeitungen des Landes. Die Nachwirkungen des Linksterrors waren noch zu spüren, und Italiens Wirtschaft steckte erstmals nach dem Kriege tief in der Krise. "Vier ausländische Wagen mehr im Land", so rechnete die Anzeige vor, "bedeuten einen Arbeitsplatz weniger für unsere Industrie."

Die Landsleute blieben damals den heimischen Marken treu. Fiat lieferte im folgenden Jahrzehnt des italienischen Wirtschaftswunders weiterhin jeden zweiten im Inland zugelassenen Personenwagen. Der Turiner Konzern erlebte den größten Aufschwung seit seiner Gründung am Beginn dieses Jahrhunderts. Inzwischen ist der längste italienische Boom seit 1945 zu Ende gegangen. Nach den goldenen achtziger Jahren sucht die zweite Nachkriegskrise das Land heim. Und 1991 trugen erstmals weniger als die Hälfte aller neu zugelassenen Wagen ein italienisches Emblem am Kühlergrill. Fiat hat auch Alfa Romeo, Innocenti und Ferrari unter sein schützendes Konzerndach genommen und ist damit als einziger nationaler Autohersteller von Bedeutung übriggeblieben.

Wird aber Fiat als Hersteller von Personenwagen auch im internationalen Konkurrenzkampf überleben? Wie wird der Konzern im Jahre 2000 aussehen? Diese Fragen stellte kürzlich das amerikanische Wall Street Journal. Und es zählte Fiat neben den beiden französischen Gruppen Peugeot/Citroën und Renault zu den möglichen Abstiegskandidaten im Weltautorennen. Zumindest einer von den dreien, so schätzt das US-Wirtschaftsblatt, könnte bis zur Jahrtausendwende der japanischen Konkurrenz unterliegen. Sollte der mächtige Fiat-Konzern mit seinen 300 000 Beschäftigten und 72 Milliarden Mark Jahresumsatz, der fünf Prozent des gesamten italienischen Sozialprodukts erwirtschaftet und die Hälfte seines Geschäftes mit Personenwagen macht, das prominente Opfer der Japaner werden?

Fiats Präsident Giovanni Agnelli winkt ab. Er hat schon vor zwanzig Jahren prophezeit, daß nicht alle europäischen Massenhersteller von Autos überleben werden. Damals wurden die japanischen Wagen noch wegen ihrer plumpen und amerikanisierten Formen belächelt. Inzwischen stimmen bei den Fernost-Produkten nicht nur Form und Qualität. "Heute sind die besser als wir", erkennt sogar Agnelli an. "Und wir müssen bis 1999 die gleiche Zuverlässigkeit, die gleiche Qualität, die gleichen Kosten haben." Dann nämlich, so bestimmt ein Abkommen zwischen Japan und der EG, können Toyota, Nissan, Honda & Co völlig unbehindert in alle Länder der Gemeinschaft liefern.

Die britische Konkurrenz ist bereits so gut wie verschwunden, und die in der Bundesrepublik tätigen Hersteller können aus der deutschen Einigung und der damit verbundenen "unaufhaltsamen wirtschaftlichen Stärkung" Sondervorteile ziehen. Das europäisch-japanische Ausscheidungsrennen wird sich auch nach Agnellis Ansicht wahrscheinlich zwischen den beiden französischen Gruppen und Fiat abspielen. Aber Fiat ist dabei gewiß nicht der schwächste Kandidat, schätzt der Turiner Konzernherr. Das stimmt. Aber ebenso sicher ist, daß Italien als Basisland des Fiat-Konzerns das schwächste Glied in der Kette der europäischen Industrienationen darstellt. Und schon jetzt, ein Jahr vor dem Eintritt in den Binnenmarkt, bestimmt die Leistungsfähigkeit des gesamten volkswirtschaftlichen Systems ganz entscheidend die Möglichkeiten der damit verbundenen Unternehmen.