Von Gunhild Freese

Weltblätter, so teilte die Welt ihren Lesern mit, "werden in den Zentren der Politik geschrieben. Die Welt wird jetzt in Bonn gemacht." Das war 1975. Damals hatte der Hamburger Verleger Axel Springer entschieden, sein Flaggschiff von der Elbe an den Rhein umzusiedeln. Bald kann der Springer Verlag seine alten Anzeigen wieder hervorkramen, denn in diesem Herbst soll das Blatt, so die Pläne der Vorstandsspitze, wieder einmal umziehen: in die neue Bundeshauptstadt Berlin.

Doch dieses Mal ist vieles anders. Die Welt, damals mit einer Auflage von 215 000 Exemplaren noch halbwegs in Tuchfühlung mit der Frankfurter Allgemeinen (Auflage: 276 000), hat längst den Anschluß an die großen überregionalen Zeitungen der Republik verpaßt: Die FAZ und die Süddeutsche Zeitung sind inzwischen bei 390 000 Exemplaren angelangt. Die Welt verkauft gerade mal 230 000 Stück. Und auch sonst steht es nicht gut um das Springer-Blatt. Seit 1970 wurde kein Gewinn mehr erzielt, die Verluste des Jahres 1991 werden auf rund vierzig Millionen Mark geschätzt – bei weiter steigender Tendenz. Und Verleger Axel Springer, der sein Polit-Blatt einst als "im Grunde kein auf Erwerb ausgerichtetes Unternehmen" bezeichnet hatte, ist 1985 gestorben.

Heute bestimmt ein Vorstand die Geschicke des zur Aktiengesellschaft umgewandelten Verlagshauses, das sich einen dauerhaften Verlustträger nicht mehr leisten will. Doch die Welt, die von Springer selbst Mitte der sechziger Jahre von einem erfolgreichen linksliberalen auf einen strammen Rechtskurs gebracht wurde, soll noch eine Chance bekommen – die letzte.

Am Mittwoch der vergangenen Woche wurden erste Weichen gestellt. Vorstandschef Günter Wille, sein Stellvertreter Günter Prinz sowie Marketingvorstand Horst Keiser hatten Welt-Chefredakteur Manfred Schell und Verlagsberater Claus Jacobi um die Präsentation neuer Konzepte für das angeschlagene Blatt gebeten. Die Vorstellungen, wie die traditionsreiche Zeitung wieder auf Erfolgskurs gebracht werden kann, könnten freilich kaum unterschiedlicher sein.

So möchte Jacobi, einst selbst Chefredakteur der Welt, das Blatt kräftig mit Boulevardelementen aufpeppen. Sein Vorbild: das bunte amerikanische Tageblatt USA Today. Die Berichterstattung würde sich auf Dreißig- bis Achtzig-Zeilenmeldungen reduzieren, Tabellen, Graphiken und Bilder sollen für Auflockerung sorgen. Mit der alten Welt freilich würde das neue Blatt unter gleichem Titel wohl nichts mehr gemeinsam haben – und auch noch die letzten Stammleser verlieren.

Anders das Konzept Schells und seiner Redaktion: Es geht unverändert vom Anspruch der seriösen überregionalen Tageszeitung in aufgefrischter Form aus. Schell möchte vor allem auch inhaltlich einen Neuanfang: Der Umzug nach Berlin – mitten in Europa – soll zum Anlaß genommen werden, sich politisch als Zeitung der neuen Ära zu profilieren. Einen Umschwung vom rechten Kampfblatt zu mehr Liberalität und Seriosität hatte Schell der Zeitung allerdings schon in den vergangenen Jahren verpaßt. Doch auf Auflage und Anzeigenvolumen hat sich der Kurswechsel bisher nicht ausgewirkt – eine Tatsache, die nun die Entscheidung zwischen den beiden Konzepten nicht gerade erleichtert. Bevor Gesamtvorstand und Aufsichtsrat in etwa sechs Wochen endgültig über das künftige Konzept entscheiden, soll deshalb auch noch eine Synthese zwischen beiden Vorschlägen erarbeitet werden.