Von Viola Roggenkamp

Ein hochrangiger Finanzbeamter ist der Steuerhinterziehung, der Untreue und Strafvereitelung sowie der Urkundenfälschung angeklagt. Was kann es Überraschenderes geben? Ein Mensch im Finanzamt. Man möchte mit ihm fühlen. Er war von ganz unten gekommen: Sohn kleiner Leute aus Langburkersdorf bei Dresden. Zuletzt Vorsteher des Finanzamtes Hamburg-Elbufer in Blankenese. Ein hanseatischer Vorort, in dem rund tausend Millionäre leben, heißt es. Welch steile Karriere!

Siegfried Röhlig, heute 63 Jahre alt, faßt sich mit der linken Hand ins Kreuz: "Auf diesem Stuhl kann ich nicht gut sitzen", sagt er und meint den schlecht gepolsterten Stuhl des Angeklagten. "Wollen Sie diesen, so einen haben", erkundigt sich eilfertig Vorsitzender Richter Horst-Dieter Münzker und schlägt bereitwillig sein Modell vor, Typ hochlehniger Chefstuhl. Ein Wink. Schon eilt der Gerichtsdiener fort. Der Stuhl kommt. Der Verteidiger macht Probesitzen, damit sein Mandant von dem vielfältig verstellbaren Möbel nicht unversehens herunterfällt. Rauf, runter, nach vorn und zurück federt der Verteidiger in schwarzer Robe. Dann nimmt Röhlig den Stuhl in Besitz. Hinter den drei Richtern und den beiden Schöffen (ein Rentner und eine Programmiererin) stehen sauber beschriftet etwa sechzig Leitz-Ordner wie stumme Zeugen.

Zu Beginn eines Gerichtsprozesses, der zudem noch derartig kompliziert zu werden verspricht wie dieser vor der Großen Strafkammer des Hamburger Landgerichts, muß es eine Art gutwilliger Arbeitsgemeinschaft zwischen Richter und Angeklagtem geben. Zumindest soll es danach aussehen, damit die gegnerischen Fallstricke nicht gleich offen daliegen. "Jawoll", sagt darum der Vorsitzende zu den Angaben des kleinen, untersetzten Mannes. Es klingt fast wie ein Lob. Und: "Wollen Sie uns noch weitere Zahlen nennen? Selbstverständlich nur, wenn Sie es wünschen?" Der Angeklagte nickt. "Sehr schön", sagt der Richter und fügt weniger als Frage denn als Feststellung hinzu: "Das Geld ist geflossen." – "Das Geld ist geflossen", bestätigt Siegfried Röhlig. Sein Ton ist selbstbewußt, gelassen. Er werde die hundert Seiten starke Anklageschrift "in weiten Teilen widerlegen". – "Sie brauchen es nicht", sagt der Richter. "Der Staatsanwalt muß es Ihnen nachweisen." – Er fühle sich verpflichtet, entgegnet Röhlig mit einem vernichtenden Seitenblick auf Oberstaatsanwalt Jochen Friedrich.

850 000 Mark soll der Leitende Regierungsdirektor in sieben Jahren aus nebenberuflicher Tätigkeit als Testamentsvollstrecker zusätzlich zu seinem Beamtengehalt (zuletzt 7300 Mark) kassiert, über 98 000 Mark Steuern hinterzogen und guten Bekannten unzulässig Steuervorteile gewährt haben. Eine Hand wäscht die andere. Seine Karriere – ein Beispiel für den Hamburger Filz?

Er war kein Seiteneinsteiger. Er kam von ganz unten. Ein Niemand ohne einflußreichen Hintergrund; dazu schwer kriegsbeschädigt. Als Sechzehnjähriger war er mit dem letzten Aufgebot Hitlers noch an die Ostfront geschickt worden. Er verlor ein Auge. Mit 24 Jahren fing Siegfried Röhlig 1952 in der Hamburger Steuerbehörde an: ein kleiner Verwaltungsmann, fleißig, zäh, strebsam, mit einem verwüsteten Gesicht, die blonden Haare naß zurückgekämmt, vierschrötig die gedrungene Gestalt, von niemandem beachtet. Anerkennung, Respekt, Macht, Frauen, Liebe, Geld, Genuß? Zu erreichen vielleicht über Beziehungen. Sich einflußreiche Leute dankbar machen könnte ein Weg gewesen sein.

Er trat 1960 in die Partei ein, in die in Hamburg regierende SPD. Er brachte es bis zum Vorsitzenden der Steuergewerkschaft in Hamburg. Und schließlich leitete er die Arbeitsgemeinschaft öffentlicher Dienst in der Partei. Als Nachrücker kam er 1975 in den Bundestag. Nach etwas über einem Jahr ging er nach Hamburg zurück und stieg weiter auf, wurde zum Leiter der Hamburger Landesfinanzschule berufen und endlich zum Chef des Finanzamtes Elbufer; Hamburgs erste Adresse.