Meine Auseinandersetzung mit den sozialphilosophischen Werken von Karl Popper war die Folge eines Schocks: die erste Fahrt mit dem Transitzug durch die DDR nach Berlin. Das seßhaft gewordene Gespenst des Kommunismus sah zum Fürchten aus. Hier war keine Beschönigung mehr möglich, die Brutalität unabweislich, die rhetorischen Kabinettstücke, mit der Linksintellektuelle im Westen die Tatsache dieser Grenze zu rechtfertigen versuchten, wirkten beim Anblick dieser Grenzwirklichkeit nur zynisch.

Poppers Begriff der „geschlossenen Gesellschaft“ nahm hier eine bedrückend konkrete Gestalt an, auch wenn Popper an diese Bedeutung des Begriffs Anfang der vierziger Jahre, als er sein zweibändiges Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ niederschrieb, zunächst noch gar nicht gedacht hatte. Geschlossen nannte Popper die Idee einer Gesellschaftsordnung, wenn diese Idee als absolut wahr und historisch stabil behauptet wird, so daß andere Ideen nicht zugelassen sind. Die Gesellschaftspolitik ist nur dieser einen Idee verpflichtet, aus der Idee werden die politischen Maßnahmen abgeleitet, mit ihr werden sie begründet. Die Idee einer Gesellschaftsordnung setzt sich absolut, sie ignoriert sowohl die konkreten Wünsche der Menschen als auch die empirischen Tatsachen. Sie kann deshalb Kritik nicht zulassen. Kritik wird als Ausdruck ideologischer Bösartigkeit oder Unmündigkeit gebrandmarkt. So gehört die Internierung in die Psychiatrie und die Umerziehung zu einem neuen Menschen, dem nach der Idee geformten Menschen, zu den Mitteln der geschlossenen Gesellschaft.

Dieser philosophische Dogmatismus erregte den Zorn Poppers. Er übernahm aus seiner Wissenschaftstheorie, nach der jede Theorie oder Hypothese prinzipiell sich der Möglichkeit einer Widerlegung stellen muß, die Vorstellung, daß auch gesellschaftspolitische Ideen falsifizierbar sein sollten. Eine offene Gesellschaft zeichnet sich also dadurch aus, daß prinzipiell jede Idee zeitlich begrenzt gültig ist. Spitzfindige Kritiker glaubten darin eine Art transzendentalen Widerspruch erkannt zu haben. Denn wenn die Struktur einer offenen Gesellschaft darin besteht, daß alles widerlegt werden kann, dann auch die Struktur der Offenheit, das Prinzip der virtuellen Falsifikation, so daß die „offene Gesellschaft“ sich praktisch selbst widerlegt zu einer „geschlossenen Gesellschaft“. Das Paradox der liberalen „offenen“ Gesellschaft erkennt Popper durchaus an (es wurde ja eine historische Tatsache durch die demokratische Wahl Hitlers). Durch eine kluge Verfassung sollte es möglichst unwahrscheinlich gemacht werden. Doch dieses Paradox existiert auch als Möglichkeit in der geschlossenen Gesellschaft. Auch dort kann die totalitäre Herrschaftsform durch den absoluten Willen des Herrschers beendet werden (und auch dieses Paradox wurde zum Beispiel in der Sowjetunion eine historische Tatsache). Der Unterschied besteht nur darin, daß die offene Gesellschaftsform dieses Paradox zuläßt und anerkennt, während die geschlossene wegen der vermeintlich historisch stabilen, absolut wahren Idee dieses Paradox nicht auf sich beziehen kann. Vielleicht ist das auch der Grund für die Irritation der linken Intellektuellen. Damit haben sie einfach nicht gerechnet.

Der Anblick der realsozialistischen Gesellschaft hinterließ bis zu ihrem Ende widersprüchliche Empfindungen aus Abscheu und Faszination. Abscheulich war die Grenze, die Muffigkeit, die spürbare, permanente Präsenz der Staatsmacht. Faszinierend der plötzliche Zeitsprung. In der DDR war die Vergangenheit reale Gegenwart. Nur in den Städten der DDR war die Vorstellung ganz nah, daß um die nächste Ecke ein Trupp mit singenden SA-Leuten biegen würde, so grotesk einem dieser Gedanke auch vorkommen mag. Hier hatte sich der Alptraum der deutschen Kopfsteinpflaster-Idylle bewahrt. Und ich verstand lange nicht, warum das so war. Bei Popper las ich dann, daß dies so sein mußte, daß dies nicht nur ein Betriebsunfall war, sondern notwendig in der Idee einer geschlossenen Gesellschaft angelegt ist.

Popper nennt es das „Elend des Historizismus“. Der Historizismus ist die Methode, mit der bislang jeder Denker seine Idee einer geschlossenen Gesellschaft begründet hat, die Vorstellung, daß der Lauf der Geschichte von einem Gesetz bestimmt wird, mit dem sich, hat man es einmal erkannt, die Geschichte der menschlichen Gesellschaft sicher für die Zukunft voraussagen läßt. Der Mensch wird gewissermaßen befreit von den Unwägbarkeiten der Geschichte. Glück, Freiheit und Gerechtigkeit sind nicht mehr vage Hoffnungen, sie können Realität werden, wenn die Gesellschaftsform – Popper nennt es die „Sozialtechnik“ – dieses Entwicklungsgesetz der Geschichte anerkennt. Zwar gibt es verschiedene historizistische Ideen – die theistische vom auserwählten Volk, die rassistische, die die Überlegenheit einer Rasse behauptet, die idealistische, die aus der Idee der absoluten Herrschaft die Überlegenheit der Nation konstruiert, die für sich eine absolute Herrschaft wählt, und die materialistische, die vom letztlichen Triumph einer Klasse ausgeht –, doch methodologisch gibt es eigentlich nur zwei Formen des Historizismus.

Die eine sieht in der Geschichte das Verfallsgesetz walten. Diese Form geht von der Vorstellung eines „goldenen Zeitalters“ aus, von einer Urform der Gesellschaft, die ganz am Anfang der Geschichte einmal existiert hat (Platon war von dieser Vorstellung fasziniert, doch sie lebt auch heute noch, beispielsweise im Feminismus, wo das Matriarchat als „goldenes Zeitalter“ gedacht wird). Die andere Form des Historizismus nährt sich aus der Fortschrittsidee. Sie sieht in der Geschichte ein Fortschrittsgesetz, daß notwendigerweise zu einem Endpunkt führen muß. Der eschatologische Charakter dieser historizistischen Idee wurde besonders im Marxismus deutlich.

Beide Formen des Historizismus aber setzen ihr Gesellschaftsmodell an den Endpunkt der Geschichte. Sei es, daß das Rad der Geschichte zurückgedreht werden soll (wie bei Platon), sei es, daß das Entwicklungsgesetz der Geschichte sich in dieser Gesellschaft erfüllt und deshalb zum Stillstand kommt. Aus diesem Grund auch hat der Historizismus nur geschlossene Gesellschaften entwickelt, weil nur die geschlossene Gesellschaft die Möglichkeiten bietet, soziale und menschliche Konflikte, die die Ursache für die Bewegung der Geschichte sind, zu unterdrücken und den erhofften Stillstand zu garantieren.