Gibt es Tage, die anders sind als die übrigen? Schreibt sich 19 schwerer, 21 leichter ins Tagebuch als 20? Zahlen-Mystiker, Daten-Fetischisten, Kalender-Gläubige, Anbeter der Astrologie werden nicken. Wir andern aber, ganz gewöhnlich abergläubisch, schwach in privater und familiärer Daten-Verarbeitung – wie leben wir mit dem Kalender?

Wen der Eis-Hauch eines der großen Prosa-Gedichte unserer Literatur hat frösteln lassen – wird der je das Datum vergessen, mit dem ein dreiundzwanzigjähriger Medizin-Student, mit dem Georg Büchner 1835 seine Erzählung "Lenz" beginnt: "Den 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg."

Nun ja, Büchner gibt seiner Erzählung über den Sturm-und-Drang-Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz (1751-1792) Patina, indem er nicht "Januar" schreibt, sondern den altertümlichen Monats-Namen "Jänner" wählt, den nach dem Grimmschen Wörterbuch "die süddeutschen Volksdialekte noch heute erhalten".

Welches Echo weckt Büchners "20. Jänner" in unserer Literatur! Ratlos hockt der Leser erst einmal vor einem Gedicht von Paul Celan aus dem Band "Schneepart" (1971), das so anhebt: "Eingejännert / in der bedornten / Balme..." Einer der nächsten Verse hilft weiter: "Frostgesiegelt die Schulter". Da sind wir wieder in Büchners "Jänner", im Taumeln über das winterliche Gebirg, wo sich eine Felshöhle auftut, eine von Dornengesträuch überwucherte "Balme". Wunderbar, wie Celan ein noch vor zweihundert Jahren geläufiges Wort für eine Höhle zu kurzer Rast in unsere Zeit rettet. Er überführt den dornenbewehrten, Schutz bietenden Stein-Schoß aus der Berg-Natur in die Großstadt mit dem in Klammern gestellten Satz von tödlicher Ironie, der die "Balme" erklärt: "(Betrink dich / und nenn sie Paris.)"

Wir erinnern uns, daß Celan über seinen einzigen Prosa-Text den Titel gesetzt hat: "Gespräch im Gebirg". Celan spricht da von "den Juden", die sich selber so vorstellen: "Die da kamen, wie Lenz, durchs Gebirg."

Dann hören wir Celan, der 1960 bei der Verleihung des Büchner-Preises Fragen stellt, die Nachdenken verdienen: "Vielleicht darf man sagen, daß jedem Gedicht sein ‚20. Jänner‘ eingeschrieben bleibt? Vielleicht ist das neue an den Gedichten, die heute geschrieben werden, gerade dies: daß hier am deutlichsten versucht wird, solcher Daten eingedenk zu bleiben?"

An welchen "20. Jänner" hat Paul Celan da gedacht? An den Wintertag des unverstandenen Dichters Lenz in den Vogesen? Dachte der 1920 als Paul Antschel in Czernowitz/Bukowina geborene Celan, einziges Kind deutschsprachiger Juden, dessen Eltern von deutschen Soldaten umgebracht wurden, nicht auch an den 20. Januar 1942? Damals brachten Nazi- und SS-Bürokraten (Vorsitzender: Heydrich; Protokollführer: Eichmann) in einer Berliner Villa am Wannsee eine "Geheime Reichssache" auf den Weg, die als "Endlösung der Judenfrage" allen nichtarischen Menschen in Europa das Todesurteil sprach.