Das letzte Wort zum Golfkrieg, der mit dem Einmarsch der USA-Allianz vor einem Jahr in die Schlußrunde ging, ist noch nicht gesprochen. Vielleicht braucht es gerade dazu noch viel mehr Distanz.

Denn der reale Krieg mit seinen 150 000 (!) oder gar noch mehr Toten, auf der Allianz-Seite in einem fast einmaligen Ausblendungsprozeß vergessen oder verdrängt, fand zugleich als Schlußakkord des alten Systemkonflikts und als Auftakt der Suche nach einer "neuen Weltordnung" statt. Für uns in Deutschland war es überdies, wie man im Rückblick noch genauer wahrnimmt, auch oder vor allem ein irrealer Krieg, der vom Ende der alten und vom Beginn der neuen Selbstvergewisserungsversuche handelte.

Auch Dan Diner, der in Essen und Tel Aviv Geschichte lehrt, liefert noch nicht das große Nachwort, aber seine Einmischung erscheint mir besonders diskutierenswert. Er bezieht sich immer sowohl auf die Bedingungen und Motive des realen Krieges wie auch auf den irrealen Krieg, zum Beispiel auf die pauschalisierende, vom Kriegsverlauf auch widerlegte Grobsicht auf den islamischen Fundamentalismus und das arabische "Lager", das es in Wahrheit ja gar nicht gab. Was Diner zu dieser "westlichen Vorurteilsmetapher" zu sagen hat, die letztlich die arabischen Regime einer präziseren Kritik entzöge, allein das macht die Lektüre erhellend. Das gilt erst recht für seine Diagnose der Beziehungen zwischen Israel und den arabischen Ländern sowie den USA.

Von allen Befürwortern des Golfkrieges unter den Linksintellektuellen der Republik scheint mir Dan Diner immer noch, die begründbarste oder von Klischees am wenigsten befrachtete Position zu vertreten. Dennoch: Von dem Verdacht kann man sich schwer freimachen, ein bißchen "idealistisch" oder beschönigend – wenn auch aus guten Gründen – sei seine Position schon, mit der Intervention im Irak habe die Allianz zu Recht das Prinzip territorialer Integrität verteidigt. Letztlich sähen das auch viele Araber, die sich "vom falschen Bild ihrer selbst" befreien möchten. Gut, es sollte ein "Exempel statuiert" werden. Aber ein Exempel für was? Zugleich argumentiert doch auch Diner, es sei vorrangig um regionale Stabilität nach dem Ende der bipolaren Welt und nicht um eine Einmischung in die inneren Verhältnisse gegangen.

Die prinzipielle Frage müßte man ja auch im Zusammenhang mit den Kurden stellen. Wenn es wirklich nur um die Verteidigung bestehender Grenzen geht, müßten Kriege dann nicht auch legitime territoriale Interessen von unterdrückten Minderheiten anerkennen, von der Lage der Menschen einmal ganz abgesehen?

Diner macht es sich zum Glück nicht so einfach wie viele Linke, die Diskussion über den Krieg mit dem Scheitern des Sowjetimperiums als "Utopie" zu erklären. Er meint, die "innere Abkehr von der Sowjetunion" habe in der Bundesrepublik zu einer Identifikation mit der Dritten Welt geführt, und gerade deshalb habe sich die deutsche Linke auf die falsche Seite geschlagen. Unverändert, scheint mir aber, geht die Vermutung in die Irre, der Irak sei "Zufluchtsort altvertrauter Weltbilder" geworden. Für ein paar Linke am Rande mag das gelten, den Kern des Problems trifft es nicht.

Widerspruch möchte man auch anmelden gegen die These, die "traditionelle Differenz Deutschlands vom Westen" sei angesichts des Krieges am Golf nochmals spürbar geworden. Daß das Verhältnis zu Amerika immer auch (und heute noch) allerdings ein psychologisches Problem bildet, links wie rechts, läßt sich überhaupt nicht leugnen. Das wird sich auf der deutschen Rechten künftig noch stärker zeigen.