Von Rob Kieffer

Kurz vor dem Hang verliert sich die Langlaufpiste irgendwo im Nichts. Vincendières macht es seinen Besuchern nicht leicht. Ich muß von den Skiern steigen, stapfe durch knarzenden Schnee zu den ersten Bauernchalets hinauf. Vincendieres, in einem Seitental unweit der mit 88 Kilometern Loipen lockenden Ortschaft Bessans verborgen, ist die savoyische Version einer ghost town. Ein jahrhundertealtes Dorf im konservierten Urzustand, die Gassen von jeder Menschenseele leergefegt, gespenstische Stille zwischen dem dunklen Gewirr der aus nackten Steinbrocken aufgeschichteten Mauern. Ich zucke zusammen, als ich plötzlich Kindergeplärr zu vernehmen glaube. In Wirklichkeit ist es nur ein blökendes Schaf. Von den Flanken der bis auf 3700 Meter reichenden Alpengipfel droht je nach Wetterlage Lawinengefahr. Dann bleibt die Loipe gesperrt, oft monatelang.

Eine weiße Schneekapuze ziert das Dach eines vor sich hin rostenden Autowracks. In den sechziger Jahren – an das genaue Datum erinnert sich keiner mehr – resignierte auch der letzte Dorfbewohner. Viele der verlassenen, mit Steinschindeln gedeckten Häuser verfallen langsam. Der Glockenturm der schmächtigen Kapelle hat längst vor dem messerscharf schneidenden Wind kapituliert und einen devoten Bückling gemacht. Andere Bauten, die als Refugium für die Schafhirten oder als sommerliche Unterkunft für Wanderer dienen, sind gut erhalten. An ihren unteren Fassadensäumen hat man eine Isolation aus Erde, Heu und Dung aufgeschichtet, die das Schmelzwasser zurückhält. Auf den Balkonen aus Lärchenholz trocknet zu Fladen gepreßter Ziegenmist, mit dem geheizt wird. Die Jahreszahl 1698 ist in einen Türbalken eingeritzt, 1756 steht auf einem anderen. Die Pforten und Fenster haben das Format von Zwergenhäusern, da früher die Hausöffnungen nach ihrer Größe besteuert wurden.

Verglichen mit diesem Geisterdorf, wirkt das weiter nordöstlich gelegene Bonneval-sur-Arc, wegen seines mustergültig restaurierten Kerns als Paradebeispiel intakter ländlicher Architektur gerühmt, wie ein aseptisches Freilichtmuseum. In Vincendieres dagegen versteht man eher, warum bis in die jüngste Vergangenheit die Einheimischen dem unwirtlichen Oberen Mauriennetal den Rücken kehrten. Ganze Einwohnerschaften zogen nach Paris, wurden dort Schornsteinfeger oder Fiakerkutscher; ihre Nachkommen arbeiten noch heute in der Metropole, viele als Taxifahrer oder als Austernöffner in den Brasserien.

Die Mitglieder der Familie Clappier, die im 17. Jahrhundert das Dorf bewohnten, trotzten hingegen der Landflucht. Sie hausten, wie die meisten Savoyarden, in finsteren, ärmlichen Räumen, gemeinsam mit dem Vieh. Die Betten standen auf hohen Stelzen, damit sich auch noch die wärmespendenden Schafe darunter kauern konnten.

Es ist erstaunlich, daß gerade dieser zivilisationsferne Weiler, deren Bewohner eher gewohnt waren, Axt und Rinderstrick zu handhaben als Pinsel und Schnitzwerkzeug, eine feinsinnige Künstlerdynastie hervorgebracht hat. Durchreisende italienische Maler und Bildhauer, die auf ihrer gefahrvollen Paßüberquerung Richtung Turin eine Zwischenetappe einlegten, vermittelten den Clappiers ihr Wissen. Sie waren das Vorbild für weitere savoyische Künstlerclans, die das religiöse Patrimonium dieses Grenztales • prägten, das sich wie ein fünfzig Kilometer langer Schlauch von Modane bis nach Bonneval-sur-Arc erstreckt.

Von Jean Clappier stammt der 1626 geschnitzte, mit pausbäckigen Putten und leidenden Heiligengesichtern versehene Rosenkranzaltar in der Pfarrkirche von Lanslevillard. Des Künstlers Sohn Antoine-Claude schuf 1666 den Auferstehungsaltar in Bessans. Seine Nachkommen schmückten andere Kirchen und Kapellen mit weinrebenumrankten Altären und polychromen Heiligenfiguren. Sie kombinierten flämische, spanische und italienische Einflüsse zu alpenländischem Barock.