Von Günther Nenning

Der schwermütige Ferdinand Raimund scherzte: "Weinen könnt ich, was aus mir hätte werden können." – Die österreichische Literatur ist der kleinste gemeinsame Nenner aller verpatzten Gelegenheiten, und nur ihre Größten gelangen in den Gnadenstand, frei wählen gekonnt zu haben, ob sie ihre Chancen sich selber verpatzen durften oder lieber stillehielten, bis sie ihnen von anderen verpatzt wurden. Jörg Mauthe wählte die dritte Möglichkeit, sich zwischen diesen zwei Möglichkeiten nicht entscheiden zu wollen – dies ist die österreichischeste aller Möglichkeiten.

Die Rolle der Intellektuellen in der österreichischen Politik ist rasch beschrieben: es gibt sie nicht. Ein deutlicher Hinweis, daß Österreich eine Demokratie ist. Denn von allen anderen Staatsformen unterscheidet sich die Demokratie dadurch, daß sie das allergesündeste Mißtrauen hat gegen den Geist.

Erhard Busek, jetzt Vizekanzler der Republik Österreich, war in den siebziger Jahren Wiener Vizebürgermeister, selber geistverdächtig in der demokratisch geistmißtrauischen ÖVP, holte den großen Geist Jörg Mauthe als Gemeinde- und Stadtrat ins Rathaus. "Wien wird Weltstadt" hieß damals: Wien wird Düsseldorf; redlich werkelten an der Verallgemeinerung der Häßlichkeit schwarze und rote Politfeinde, einig in Bekämpfung undemokratischer Stadtschönheit.

Mauthe, der Dichter als Politiker, gebar Ideen wie das kranke Muscheltier Perlen, für den Rest sorgten die Säue.

Erst zerstörte Mauthe aktiv seinen guten Ruf als Schriftsteller durch politische Betätigung im Wiener Rathaus; dann ließ er sehenden Auges geschehen, daß sein guter Ruf als Politiker zerstört wurde durch fortgesetzte literarische Betätigung. Das verdiente Ergebnis dieser österreichischen Anstrengungen war, daß er heute – fünf Jahre nach seinem Tod, 67 Jahre wäre er jetzt alt – als ein verkannter Großer dasteht in der österreichischen Literatur, was das heißt, siehe oben, und als ein verkannter Großer in der österreichischen Politik, was das heißt, wird sofort erklärt.

Mauthe war der Vater des kühnen Plans, den Busek dann aufgriff: Wenn schon Staustufe und Donaukraftwerk Wien, wenn schon Weltausstellung in Wien – Zweifelhaftigkeiten, die seinem Dichterherzen verdächtig sein mußten –, dann wenigstens ein großes städtebauliches Konzept: das in Wahrheit donauferne Wien an der Donau heranbauen an diese.

Das ist eine große Idee, die kleinlich scheitert am Grundgesetz Gottes, daß Architektur geronnener Geist sei. Wenn also ein Zeitalter keinen Geist hat, hat es auch keine Architektur und kann ein neues Wien nicht bis an die alte Donau herangebaut werden, außer als fehlprogrammiertes Super-Edel-Slum, was es aber ohnehin schon ist.

Mauthe wußte natürlich, daß die wirkliche alte Donau, die älteste, genau dort floß, wo Wien heute noch liegt, am Donaukanal, welcher, ehe er Stinkkanal wurde, wohlriechender Fluß- und Au-Arm war. Ich schlug ihm einmal vor: statt Wien heranzuführen an die, vom Stadtkern weitab liegende, zu Tode regulierte Kunst-Donau, was schiefgehen müsse, siehe oben – die Donau wieder zu entregulieren, die vielen Fluß- und Au-Arme wieder "aufzumachen", mit bissel Häusern dazwischen und Verkehr auf Kähnen. Dann läge Wien wieder an der, ja in der Donau.

Er lachte verdrossen. Der lachte, das war der Dichter in ihm; die Verdrießlichkeit, das war der Politiker in ihm. Die zwei Mauthes haben nie zusammengepaßt, sich ständig wechselseitig frustriert und befruchtet.

Jörg Mauthe war es, der für seine Heimat die "Dorf- und Stadterneuerung" erfand – irgendwo auch durchsetzte, nämlich in seiner niederösterreichischen Wahlheimat in Weiten, einem verlorenen Marktflecken am Rande der Wachau. Dort gedieh sein Trieb zur verzweiflungsvollen Wiederherstellung des Schönen bis zu dem Exzeß, daß der Gemeinderat beschloß: Man wolle nichts mehr neu bauen, umbauen oder niederreißen ohne Zustimmung des zugereisten Dr. Mauthe. Er hatte oberhalb des Dorfes die Mollnburg erworben um billiges Geld und mit eigener und seiner Familie Handarbeit sich wohnlich gemacht.

Dort liegt er auch begraben, in einem halb reizvoll restaurierten, halb reizvoll ruinös belassenen Turm, in Dach und Gemäuer der Achtzahl Untertan; Acht ist die Zahl der Venus (acht Monate dauert ein Umlauf des Planeten Venus).

In der Tat war die Liebe Mauthes einziges Thema. Auf dem geduldigen Papier übte er sie leidenschaftlich aus, in seinen beiden großen Romanen "Die Vielgeliebte" (1979) und "Die große Hitze" (1974; Neuauflagen beider 1987 in der Edition Atelier, Wien).

"Schlafe wohl, Schwesterchen", ruft er seiner Freundin nach, am Ende der "Vielgeliebten", "jetzt kannst du schlafen, solange du willst. Du hast dir’s verdient, denn du hast etwas Ungeheures geleistet, nämlich allen, die dich kannten, bewiesen, daß es neben allen denkbar besten Welten eine noch viel bessere geben muß. Schlafe wohl. Wäre ich ein anderer, als der ich bin, kein Saturnier oder Kainit, ich könnte nur um deinetwillen an eine Auferstehung und ein Leben nach dem Tode glauben, denn ich möchte dich wiedersehen ..."

Im Fernsehen wurde Mauthe einmal plötzlich gefragt, von seinem Freund und Mitspinner, auch so ein österreichisches öffentliches Privatgenie, Ernst Wolfram Marboe, rätselhaft unabschaffbarer Programmintendant: "Jörg, glaubst du an eine Auferstehung und ein Leben nach dem Tode?"

"Eigentlich nicht", antwortete Mauthe, "aber lachen tät’ ich schon, wenn’s so was gäbe ..."

"Die Vorstellung", heißt’s in seinem Nachruf auf die "Vielgeliebte", "daß wir bald tun könnten, was wir nie getan haben, nämlich zusammen schlafen, wirkt sehr verlockend auf mich: Odysseus hörte den Gesang, den unwiderstehlichen ... Ein, zwei Jahre – noch, animula vagula blandula, meine kleine Seele – von uns beiden war ich ja immer der Unpünktlichere."

Der Unpünktlichste verspätete sich sieben Jahre, 1986 starb er, erst 62. Den Gesang, den dieser Odysseus hörte – seine Mitpolitiker hörten ihn nicht, außer, politikgedämpft, sein Entdecker Erhard Busek. Die Liebe als Lebens- und Todesgesetz – es ist klar, daß mit solcher Hirnverdunkelung und Bauchaufklärung in der Politik nichts auszurichten war, außer unsichtbar Fortwirkendes, in Richtung auf eine spürbar noch viel bessere Welt neben allen denkbar besten Welten.

In Zeiten, da die Politiker noch Krieger waren, bei "Handlungsbedarf" in die Schlacht ritten und auf diese Weise die "anstehenden Probleme" auch nicht lösten, aber wenigstens unter dem Schwertstreich des politischen Gegners gerechtfertigt verbluteten – in jenen barbarischen Zeiten waren Politiker und Politikertod so untrennbar beisammen wie heute Politiker und Politikerpension.

Der Tod war Mittel und Chance in der Politik: so altertümlich setzte Jörg Mauthe ihn ein, sobald er wußte, erstens von selber, zweitens von den Ärzten, wie lange er noch zu leben hatte, beziehungsweise wie kurz.

"Weil jetzt", notierte er in seinem Tagebuch über das Jahr vor seinem Tode, "eh schon alles wurscht zu sein scheint, leiste ich mir" – in kläglichen Verhandlungen mit den stur fortregierenden Wiener Sozialdemokraten über die Zukunft Wiens ("strahlende Metropole Mitteleuropas zu werden oder aber im Mittelmäßigen zurückzubleiben", benannte sie Mauthe) – "einen Ausbruch kalter Wut ... und rede mich so weiter und so fort in nahezu echte Rage. In meinen gesunden Tagen hätte ich mit einem solchen Auftritt wahrscheinlich nicht viel Erfolg erzielt. In meinem jetzigen Zustand habe ich ihn. Alle nicken ernst."

Ach, das Endergebnis ist Mauthes Brief an den Wiener Bürgermeister, knapp vor seinem Krebstod: "Ich bitte Dich, an meiner Bestattung nicht teilzunehmen; wenn das aus irgendwelchen protokollarischen Gründen nicht möglich sein sollte, bitte ich Dich, wenigstens keine Rede oder sonstwas dergleichen zu halten ..."

Mauthe betrieb Stadt- und Umweltpolitik aus jener Tiefe des Herzens, wo sie gar nicht mehr so heißt, sondern mit ihrem richtigen Namen: Ehrfurcht vor der Schöpfung. "Umwelt" heißt ja – Politquacksprech ist verräterisch präzise –: ich bin Mittelpunkt, Umwelt ist der Rest um mich herum; erst komm ich, dann lang nichts, dann bissei Natur, wenn es sich ausgeht mit’m Geld, sonst halt nicht.

Mauthe wußte, daß "Mensch" eine medizinische Bezeichnung ist für den lebensgefährlichen Ausschlag auf der Mutterhaut der Erde. Soll der Ausschlag heilen, muß der Mensch absteigen ins Erdinnere.

Mauthe, der Schmalz nicht leiden konnte, außer beim Heurigen unter kompensatorischer Beigabe von recht viel Paprika und Zwiebel, schrieb den ersten, und wahrscheinlich letzten, möglichen "grünen" Roman unserer Endzeit, "Die große Hitze. Oder die Errettung Österreichs durch den Legationsrat Dr. Tuzzi".

Denn nicht das ist schon "Umweltpolitik", daß sich die Politiker giftgrün anfärbein und jene selbe Technokratie, die sie betreiben zur Zerstörung der Natur, nun umstülpen wie einen Handschuh, und es ist immer noch derselbe Handschuh, zwecks Rettung der Natur. – Sondern "Naturpolitik" wäre erst der demütige Abstieg vom Plastikroß, zwecks Lauschen und Lernen, wie’s in der Natur läuft, schneckenschleicht auf tausend verschlungenen Spuren – nur so geht’s oder ging’s.

Der Mensch als Bittsteller, damit die Zwergerln die Quellen wieder aufdrehen.

Vor der Rührseligkeit dieses Grundgedankens rettete Mauthe sich und seinen Roman durch avantgardistischen Rückgriff in die Schatzkiste der österreichischen Bürokratie:

Der da hinabsteigt zu den Zwergen, ist nicht ein Politiker, sondern, im Auftrag des Bundeskanzlers, der wahre österreichische Staatschef, der Sektionschef, einer von diesen mehreren Dutzend höchstrangigen Gemütsbürokraten, die Alt- und Neu-Österreichs Leib und Seele zusammenhielten und -halten, indem sie immer bleiben, wenn die Minister immer gehen.

Sektionschef Tuzzi – Träger eines altösterreichischen, schon durch Herzmanovsky-Orlando unsterblichen Namens – begibt sich zu den Zwergerln und erledigt erfolgreich seinen unmöglichen Auftrag, daß diese die von ihnen verschlossenen Quellen wieder aufdrehen zwecks Rettung vor der hereingebrochenen großen Hitze.

Tuzzis Trick ist ein unnachahmlich eleganter: Er benützt die Urverwandtschaft zwischen der unergründlichen österreichischen Bürokratie und der unergründlichen Natur, die nämlich auch eine Bürokratie ist: sich auf sanft brutalen, rätselhaft geradlinigen Pfaden vor- oder rückwärtsbewegt, bedient von den dortigen Sektionschefs, den Zwergerln – die ihrem Kollegen, dem oberirdischen Sektionschef, Amtshilfe leisten.

Freilich auf dem einzig möglichen Umweg der Liebe. Heute weiß man’s nur noch dumpf, und wenn’s berichtet wird, so unter der Überschrift "Korruption", aber bei Herzmanovsky kann man’s nachlesen: Die oberste Vorschrift der österreichischen Bürokratie ist die Außerkraftsetzung aller Vorschriften durch Beziehungen.

Mauthes Sektionschef Tuzzi verliebt sich, der väterliche Oberbürokrat in ein mütterliches Wundermädchen – welches, stellt sich heraus, Oberherrin der Zwerge ist – klar, dort unten herrscht Schneewittchen, die polyandrische Ur- und Jungfrauenmutter über die Zwergerlmachos. Und die, die hohe Frau, die richtet’s ihm, das mit dem Aufdrehen der Quellen.

Man erfährt sogar Einzelheiten, wie, daß sie unterhalb des Rückens besonders viele blonde Härchen hat, aber nicht zwecks Aufgeilung, oder wenn, dann zum Tode. Mauthe ist ein Konditor, der den Teig der Liebe, den hellblonden, stets verknetet mit dem Teig des Todes, dem mohnschwarzen. Er erzeugt einen dämelig schmackhaften sogenannten Marmorgugelhupf, eben aus hell und dunklem Teig, gleichermaßen geeignet zur andächtigen Meditation, solange er noch auf dem Teller ist, wie zum nachfolgenden bedenkenlosen Genuß.

Wie muß ein solcher Dichter, Politiker, Absteiger zu den Zwergerln und ihrer Jungfrauenmutter gewirkt haben unter progressiv verklemmten Mitliteraten, ausgeronnenen Mitpolitikern? Er erzeugte heimlichen Spott und offenes Grauen. Er wirkte gar nicht, außer hintergründig nachhaltig.