Was dann in den Tagen vor der Wahl und am Wahltag selbst geschah, ist ohne diesen Hintergrund nicht zu verstehen. Wenn auch, wie Berghofer heute vermutet, "alle Wahlen seit 1950" gefälscht waren – diese Kommunalwahl war mit den früheren nicht mehr zu vergleichen. Darum auch geht Schilys vordergründig plausibler Satz "Falsches kann man nicht fälschen" daneben. Generell mag er recht haben mit seiner Meinung, eine Wahl in der DDR sei "kein schützenswertes Rechtsgut" gewesen. Nach der Vorgeschichte dieser Wahl aber wären diejenigen, die den Mut hatten, "nein" zu sagen, eben doch zu schützen gewesen.

Grotesker Zahlenhandel

Hans Modrow und Wolfgang Berghofer haben ihnen diesen Schutz nicht gewährt, wenngleich sie versucht haben wollen, den "Schwachsinn" (Berghofer) zu verhindern. Vielmehr haben der Dresdner Parteichef Werner Moke und "sein" Oberbürgermeister Berghofer ihre Untergebenen gezwungen, den "Schwachsinn" in die Tat umzusetzen. Moke, inzwischen arbeitslos, bedauert zwar heute "die Feigheit, die ich damals begangen habe". Aber er war eben "erzogen zu Parteitreue und -disziplin", und es war "alle politische Arbeit auszurichten auf ein optimales Wahlergebnis", das "aus der Zentrale" verlangt wurde. Wer ihm den Befehl gegeben habe, will der Richter wissen. Moke sagt es nicht. Nach Lage der Dinge kann er seine Weisungen nur von Hans Modrow erhalten haben.

Nach den bisherigen Zeugenaussagen hat der Countdown zur Wahl am 27. April begonnen: Berghofer gibt Moke auf dessen Verlangen eine erste "Einschätzung" des Wahlergebnisses für Dresden: 91 Prozent Wahlbeteiligung, 12 Prozent Neinstimmen. Am Tag darauf beschließen Berghofer und Modrow, "daß sie alles daransetzen wollen, daß nicht manipuliert wird" – so erinnert sich Berghofers Wahlhelferin Irma Foit.

Moke berichtet nach oben, wer immer da saß, und "konsultiert" den Anonymus. Der muß indigniert gewesen sein. Denn Berlin hatte zwar den unruhigen Bürgern "reale Wahlen" versprochen und damit eingeräumt, daß auch irreale Ergebnisse erzielbar wären. Aber die Ergebnisse sollten wiederum "nicht schlechter" sein als bei der Volkskammerwahl 1986, wie sich Moke erinnert.

Daraufhin entwickelt sich an den folgenden Tagen ein grotesker Zahlenhandel, nach jeweils neuen "komplizierten Rechenoperationen" (Berghofer). Wie wär’s mit 92 Prozent Beteiligung und 8 Prozent Neinstimmen? Moke fragt an. Abgelehnt. Oder: 96 und 5 Prozent? Abgelehnt. Oder: 97 und 4 Prozent? Abgelehnt.

Am 6. Mai, einen Tag vor der Wahl, treffen sich erneut Modrow, Moke und Berghofer. Modrow soll noch einmal versuchen, den "Schwachsinn" zu verhindern. Was er unternommen hat, bleibt unbekannt. Der Wahltag bricht an. Und die Beteiligten sehen rasch, daß sie die vorgegebenen Zahlen mit Zählen nicht erreichen werden. Da ergeht am Nachmittag ein neuer Ukas. Und zwar an die fünf Stadtbezirke, von denen bisher nur Dresden-Süd im Prozeß eine Rolle spielte.