Gegen "fünfzehn, sechzehn Uhr" kommt Günther Sobe, der Parteivorsitzende von Dresden-Süd, von seinem Chef Moke zum Bezirksbürgermeister Berndt Lange und kündigt ihm an, der Oberbürgermeister, Berghofer also, werde ihm bald eine "neue Zielstellung" geben. So geschieht’s, die Wahlbeteiligung wird auf 97,8 Prozent fixiert, die Zahl der Neinstimmen auf 2,5 Prozent.

Sobe sagt später, "die vorgegebenen Zahlen waren für die Bezirksbürgermeister bindend, sie hatten sich bei der Entstehung des Wahlergebnisses danach zu richten". Und Berndt Lange, der Betroffene in Dresden-Süd, spricht von der "Pflicht zur Fälschung", deren Erfüllung ihm in einem früheren Verfahren einen rechtswirksamen Strafbefehl von reichlich 3000 Mark eingetragen hat; der Mann ist vorbestraft.

In Dresden lief das Verfahren so: Jeder der fünf Stadtbezirke hatte fünfzehn Wahlkreise, jeder Kreis fünf bis sechs Wahllokale. Die richtigen Zahlen wurden aus den Wahllokalen an die Wahlkreise gemeldet, wo sie so manipuliert wurden, daß der geforderte Gesamtwert für den Stadtbezirk "gestaltet" werden konnte (Lange). Die Abweichung von der versprochenen Realität: zehn bis zwanzig Prozent. Das wahrscheinliche Gesamtergebnis für Dresden lautet für die Wahlbeteiligung 90 statt der vorgegebenen 97,8 Prozent, für die Neinstimmen 10 bis 12 statt der 2,5 Prozent. Die Wahlunterlagen wurden vernichtet.

Erbärmliche Uneinsichtigkeit

So ungewöhnlich die Vorgeschichte der Wahl verlaufen war, so ungewöhnlich setzte sie sich nach Bekanntgabe der Ergebnisse fort. In einer ganzen Reihe von Wahllokalen hatten Bürgerrechtler die öffentliche Auszählung der Stimmen registriert und hochgerechnet. Rasch wurde deutlich: Die Zahlen mußten getürkt sein. Eine ganze Flut von "Eingaben" und Strafanzeigen schwappte über die Behörden. Der Vorwurf der Wahlfälschung ließ sich nicht mehr aus der Welt schaffen. Im revolutionären Herbst 1989 zeigte sich, wie sehr die Manipulation der Kommunalwahlen zur Destabilisierung des Regimes beigetragen hatte.

Unmittelbar nach der Wende kam es zu beinahe fünfzig Verfahren, die allerdings zumeist an der verbreiteten Rechtsunsicherheit scheiterten. Immerhin: In Weimar, Potsdam, Karl-Marx-Stadt, in Brandenburg, Ost-Berlin und Magdeburg wurden Geld- und Freiheitsstrafen verhängt. In Leipzig gar Gefängnisstrafen ohne Bewährung.

Doch die Protagonisten in Dresden waschen noch heute ihre Hände in Unschuld. Hans Modrow verweigert dem Gericht jeden Einblick in seine eigene Verstrickung – dazu ist er als Zeuge berechtigt, weil er sich vor einem eigenen Verfahren sieht. Was er aber, gewissermaßen am Rande, erzählt, belegt eine geradezu erbärmliche moralische Uneinsichtigkeit. Er mutet dem Gericht Sätze zu wie diese: "Ich war nie in einem Wahlvorstand und habe Stimmen ausgezählt." – "Ich habe die Ergebnisse aus der Zeitung erfahren, wie alle anderen Bürger auch." Und: "Da müssen Sie die Seite des Staates fragen" – wo doch die Partei-Hierarchen denen des Staates die Befehle gaben.