Von Julia Tugendhat

Barbara Castle, die formvollendet als Baroneß Castle anzureden wäre, läßt sich ungern festnageln. Konzentriert arbeitet die einundachtzigjährige Exministerin an ihren Memoiren, und wenn sie nicht am Schreibtisch sitzt, nimmt sie in London an den Sitzungen des House of Lords teil. Dort – und nur dort – sollte das Gespräch stattfinden, das sie nach langem Drängen schließlich in ihren prallen Terminkalender einschob.

Den Zeitaufwand der Sicherheitskontrollen naiv unterschätzend, kam ich zu spät, viel zu spät, nämlich zehn Minuten. Und gleich lieferte sie eine Probe ihres cholerischen Temperaments, für das sie durchaus bekannt ist. Die kleine Person im Nadelstreifenkostüm war rot, sah rot und klopfte erzürnt mit den Fußspitzen auf den Boden. Damit nicht genug: Als „Lehre für die Zukunft“ wurde mir ein Vortrag über den Grundriß des Parlamentsgebäudes erteilt. Als sie sich beruhigt hatte, äußerte sie Erstaunen darüber, daß man in Deutschland etwas über sie lesen wolle.

Nun, sie sei eben bekannt und beliebt als die herausragende britische Politikerin zwischen dem Kriegsende und der Ära Thatcher, außerdem geschätzt als Europa-Politikerin. Das Eis ihrer blauen Augen schmolz. Meine Erklärung wäre an sich nicht nötig gewesen, denn gerade hatte ihr der deutsche Botschafter in London den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland überreicht. Sehr stolz sei sie auf diese Auszeichnung, gesteht sie und setzt hinzu: „An den Deutschen gefällt mir die Dynamik und die Fähigkeit, Gelegenheiten beim Schopf zu fassen, obwohl sie den Drang haben zu dominieren.“

Zehn Jahre lang, von 1979 bis 1989, hat sie als Abgeordnete des Europaparlaments in Straßburg verbracht. Mit gewisser Bitterkeit konstatiert sie, ihr größter Beitrag habe darin bestanden, im Landwirtschaftsausschuß gegen die Subventionspolitik der EG Front zu machen und die dadurch entstandenen Skandale und Milliardenverluste anzuprangern.

Als Barbara Castle die Labourgruppe in Straßburg anführte, war ihr Gegenspieler auf der Seite der Konservativen Stanley Johnson. Er erinnert sich: „Die rothaarige Barbara Castle tat alles, um ihrem Ruf als ‚feurige Rote‘ gerecht zu werden. Bei den Tories hatte sich bald ein zynisches Ritual eingebürgert, wenn sie sich zu Wort meldete. Die übrigen Europäer amüsierten sich dann darüber, wie die Briten ihre innenpolitischen Querelen austrugen. Die Tories betrugen sich nicht eben gentlemanlike und forderten sie ziemlich flegelhaft auf, Schluß zu machen. Davon ließ sie sich nicht im geringsten einschüchtern. Ihre Reden waren brillant und im Gegensatz zu denen vieler anderer nie zu lang.“

Nicht nur im Landwirtschaftsausschuß und als Verfechterin der Menschenrechte hat sie einiges für Europa getan. Vor allem brachte sie Leben in die Gruppe der sozialistischen Parteien und schuf Kontakte zwischen deutschen Sozialdemokraten und britischen Labour-Abgeordneten. Und so kam es, daß die linken Briten auf einmal tief in die europäische Sache verstrickt waren und darüber fast vergaßen, wie sehr sie eigentlich dagegen waren. Daß die Idee eines vereinten Europa schließlich auch in der Labour Party Verbreitung fand, dazu trug entscheidend Barbara Castle bei.