"Wo Heydrich seine Ermächtigung bekanntgab" – Der Holocaust war längst im Gange

Von Eberhard Jäckel

Das Merkwürdigste an jener vielgenannten Zusammenkunft, die erst nach dem Kriege die Bezeichnung Wannsee-Konferenz erhielt, ist, daß man nicht weiß, warum sie stattgefunden hat.

Die in der Öffentlichkeit noch immer verbreitetste Erklärung, es sei dabei die Endlösung der Judenfrage, also der Mord an den europäischen Juden, beschlossen worden, ist mit Sicherheit auch die unzutreffendste. Im Führerstaat wurden derart wichtige Beschlüsse überhaupt nicht in Besprechungen getroffen, und schon gar nicht von Beamten. Übrigens steht auch im Protokoll nichts von einem solchen Beschluß. Die Endlösung konnte aber auch deswegen nicht beschlossen werden, weil sie bereits in vollem Gange war.

Der Mord an den Juden hatte im Juni 1941 in der Sowjetunion begonnen; ihm waren bis Jahresende schon etwa 500 000 Menschen zum Opfer gefallen. Die Deportation der Juden aus Deutschland hatte am 15. Oktober begonnen; am 25. November waren die ersten von ihnen erschossen worden. Auch das erste Vernichtungslager hatte bereits seine Tätigkeit aufgenommen, nämlich dasjenige von Chelmno, wo seit dem 8. Dezember vor allem polnische Juden aus Lodz und Umgebung in Gaswagen getötet wurden. In dieser Hinsicht gab es nichts mehr zu beschließen.

In der Wissenschaft herrscht daher die Erklärung vor, die Besprechung habe der Koordinierung der Behörden gedient. Im einzelnen gibt es freilich interessante Abweichungen. Gerald Reitlinger meinte 1953 in seiner klassischen ersten Gesamtdarstellung ("Die Endlösung"), es sei "nicht mehr als ein kameradschaftliches Mittagessen" gewesen. Uwe Dietrich Adam bezeichnete 1972 ("Judenpolitik im Dritten Reich") als "Besprechungszweck" die Einbeziehung von Juden außerdeutscher Staaten und die Frage der Mischlinge. Letztere war auch nach Dieter Rebentisch ("Führerstaat und Verwaltung im Zweiten Weltkrieg", 1989) "der eigentliche Gegenstand".

In Wahrheit ist der Besprechungszweck noch nie gründlich untersucht worden. Das ist auch nicht leicht, weil wie überall in diesem höchst geheimen Bereich nur wenige Quellen überliefert sind, nämlich das Protokoll (in einem einzigen Exemplar von ursprünglich dreißig Ausfertigungen), drei Einladungsschreiben (mit sehr aufschlußreichen Randnotizen), eine Antwort auf die Einladung und ein paar kurze Vermerke in anderen Akten. Dazu kommen noch einige nachträgliche Aussagen von Teilnehmern (heute sind alle tot), vor allem von Eichmann. Das ist alles, und doch kann der Historiker manches rekonstruieren, wenn er die Quellen geduldig liest, sie mit anderen vergleicht und in die größeren Zusammenhänge einordnet.