Von Inga Markovits

AUSTIN/TEXAS. – Auf die Stasi-Anschuldigungen gegen den Rektor der Ostberliner Humboldt-Universität, Heinrich Fink, werden viele – wie ich – mit Unglauben reagieren. Heißt das, daß unser Respekt für ihn nun in der Schwebe hängt, bis, so oder so, die letzten Zweifel aufgeklärt sind und wir wissen werden, ob wir den Professor verehren dürfen oder verachten müssen? Wie wichtig ist es, ob Fink tatsächlich für die Stasi gearbeitet hat?

Ich habe während eines Forschungsaufenthalts vom September 1990 bis zum Juli 1991 viel Zeit an der Humboldt-Universität verbracht; vor allem unter den Juristen. Ich habe den Rektor Fink viele Male in Aktion gesehen; noch wichtiger, habe die Wirkung seiner Stellungnahmen und Entscheidungen auf Professoren und Studenten beobachtet und habe das intellektuelle Klima an der Humboldt-Universität mit dem an anderen juristischen Fakultäten in der Ex-DDR vergleichen können. Ich weiß, ich weiß: Die Selbsterneuerung an der Humboldt-Universität verläuft oft mehr schlecht als recht. Aber ich habe neben dem üblichen Selbstmitleid an der Humboldt-Universität mehr Lust auf Wahrheit angetroffen, mehr Ehrlichkeit, mehr Selbstkritik, mehr Energie und vor allem mehr Selbstbewußtsein (ohne das ein Rechtsstaat nicht zu machen ist) als an irgendeiner anderen mir bekannten akademischen Einrichtung in der Ex-DDR.

Nehmen wir nun einmal an, der Stasi-Verdacht gegen Fink werde bestätigt. Ist es dann unausweichlich, von der Stasi auf den Mann zu schließen und beide, verächtlich oder bedauernd, abzutun? Wäre es nicht ebenso logisch, von dem Mann auf die Stasi zu schließen und zu sagen: Wenn jemand wie Fink für die Stasi gearbeitet hat, kann unser Stasi-Bild nicht stimmen?

Keine Aufregung. Ich habe nicht vor zu versuchen, die Stasi reinzuwaschen. Aber in einem Apparat mit 100 000 Mitarbeitern, 300 000 inoffiziellen Mitarbeitern, 1,5 Kilometer Karteikarten und vier Millionen Bespitzelten in einem Sechzehn-Millionen-Volk muß es Platz nicht nur für die Erich Mielkes und Ibrahim Böhmes gegeben haben, sondern für viele, viele andere; manche davon – vielleicht – ebenso energisch, kämpferisch, kritisch, menschenfreundlich und zukunftsgläubig wie Heinrich Fink.

Die Stasi war ja nicht nur Symbol und Instrument totalitärer Menschenverachtung. Das vor allem; in einem Maße, das nicht vergessen werden darf. Aber sie mußte gleichzeitig den enormen Informationsbedarf erfüllen, der in einem freien Land von Parlamenten, Medien, Werbung, Versammlungen und Veranstaltungen und von täglichen Diskussionen in Hörsälen, Schulen, Bars oder am Abendbrottisch der Familie befriedigt wird. Wie kam es in der DDR zur Bildung und Verbreitung von Meinung?

Man stelle sich vor: ein Land, in dem Kritik gefährlich ist, Statistiken Verschlußsache sind, Radio und Fernsehen die Wirklichkeit retouchieren und in dem kaum ein ehrliches Wort in der Zeitung steht. Wie sollen Entscheidungsträger wissen, was los ist? Wie kann die Zuverlässigkeit von Beamten ermessen werden? Wie läßt sich die Stimmung in der Bevölkerung abschätzen? Alles nur mit Hilfe der Stasi. Wenn man sich so die Stasi als pervertierten Ersatz für öffentliche Meinung vorstellt, wird verständlich, warum so viele und so verschiedene Menschen in ihr Netz gezogen wurden.