Sat 1, Samstag, 11. Januar:

"Mann-O-Mann"

Als Massenmedium ist Fernsehen eine Fraktion der Öffentlichkeit. Es versorgt uns mit Informationen aus aller Welt, es konfrontiert uns, auf seine Weise, mit den Themen der Zeit, und noch wenn es Shows und Serien sendet, liefert es Aufschluß über Trends und Moden, die öffentliches Interesse beanspruchen dürfen.

Seit aber Kabel und Satellit auch die Privatsender ranlassen, erleben wir immer häufiger Programme, die gar nicht für die Öffentlichkeit bestimmt scheinen. Als habe man einen Trupp verspielter Quatschmacher heimlich mit der Kamera belauscht, wirken solche Sendungen wie aus dem Alltag geschnitten – und zwar da, wo er für Dritte nicht mehr interessant ist. Vergleichen könnte man sie mit der bunten Seite einer Regionalzeitung: Die Werbespots entsprechen den Annoncen, die Reportagen den vermischten Kuriositäten und die Spiel-Shows den Kreuzworträtseln.

Solches Zeugs kann man nicht mehr rezensieren. Wer Lust hat, Kreuzworträtsel zu raten, der rät, wer nicht, läßt es bleiben. Wer ein Gspusi sucht, guckt die Partnerbörse, wer nicht, ist fein raus. Mehr läßt sich dazu nicht sagen. Man setzt sich doch auch nicht hin und schreibt Rezensionen zu Todesanzeigen, Wetterberichten oder Wohnungstauschannoncen. "Das Leben", schrieb einmal Bernd Eilert, "kritisiert man nicht." Außer es spielt sich als Programm auf. Der stolze Anspruch noch der populärsten, aber professionell gemachten TV-Sendung: Für die Öffentlichkeit von Interesse zu sein, ist es wert, verteidigt zu werden. Wo der nicht mehr verbindlich ist, läuft das Gesamtniveau Gefahr zu verrutschen.

Die Sat-1-Eigenproduktion Mann-O-Mann, die letzten Samstag Premiere hatte, atmete genau die Art überspannte Geschäftigkeit und beschickerte Heiterkeit, die auf Schulbällen und Clubfeten zustandekommt und für die Beteiligten wunderbarerweise ein Vergnügen, für Außenstehende, die durch die Fenster hineinschauen, aber ein eher peinlicher Eindruck ist. Es mußte hier, wie beim altbackenen Pfänderspiel, eine Laienriege "toller Typen" zeigen, daß sie tanzen, singen, flirten und improvisieren konnte. Wer nicht überzeugte, wurde in ein Wasserbecken geschubst und schied damit aus. Der Sieger erhielt als Preis einen Reisegutschein und diverse Küsse. Entscheiden tat ein ausschließlich weibliches Saalpublikum und moderieren ein gewisser Peer Augustinski, dessen Lieblingswort der Entertainer-Standardaufschrei: "Wunderbar!" war.

Wie gesagt, solche Art Lustbarkeiten kann man nicht bemäkeln. Man vergriffe sich ja am Leben selbst. Sollen doch die Leute ihren Spaß haben und sich dabei naß machen; solange kein ruhestörender Lärm entsteht, ist nichts dagegen einzuwenden. "Es ist einfach gut, hier dabeizusein", bekannte ein gewisser Axel, und man glaubte es ihm gern. Aber kann er uns auch die Preisfrage beantworten, was das ganze im Fernsehen zu suchen hat? Dadurch, daß sie mit ihrer Gaudi auf Sendung gingen, Axel und die anderen, haben sie alles verdorben. Denn so entstand eine volle Stunde ruhestörender Lärm.

Barbara Sichtermann