Das Regime in Algier versprach Demokratie – und verhinderte das Votum des Volkes

Von Joachim Fritz-Vannahme

Algier, im Januar

Weiß und ockerfarben sticht das Minarett der Moschee Ben Badis vom blauen Himmel ab. Zehntausende wälzen sich zum Freitagsgebet durch die Straßen von Kouba vor den Toren Algiers. Die Hauptstraße schrumpft auf eine schmale Spur inmitten der Menge. Als der Imam und Islamistenführer Abdelkader Hachani auf die Minbar, die Kanzel, steigt, senkt sich draußen Stille über diese Hochburg der algerischen Islamisten. Verschwunden sind die Verkehrspolizisten, deren Trillerpfeifen eben noch den Ruf des Muezzins untermalten.

"Wer nicht an Gott glaubt, kommt in die Hölle", beginnt der Imam ruhig mit einem Koranvers. Doch es folgt kein Gottesgericht, keine Strafpredigt. Von Gerechtigkeit und Glück mit Gottes Hilfe ist die Rede. Die Frauen werden beschwichtigt. Auch in einer islamischen Republik sollen sie ihre Arbeit behalten. Der Prediger schwärmt von el Andalous, wo einst spanische Christen und Juden unter moslemischer Herrschaft friedlich lebten. Nur gegen Ende weicht sein gelassener Ton noch einmal schneidenden Klängen: "Am 26. Dezember hat das Volk entschieden, daß Algerien eine doula islamiya, eine islamische Republik, sein soll. Selbst die Armee, sogar die Polizei warnen wir, das Volk nicht gegen seine eigene Entscheidung treiben zu wollen! Das moslemische Volk Algeriens steht jetzt zu unserer Islamistischen Heilsfront." Zischend brechen diese Sätze aus den Lautsprechern, lauter rattert nur der Rotor eines Armeehubschraubers. Hier unten hat jeder diesen Fingerzeig des Himmels verstanden...

Dies war die letzte Predigt im Wahlkampf des jungen Islamistenführers mit der freundlichen Miene eines Hochschullehrers. Einen zweiten Wahlgang wird es nicht geben. Die ersten freien Wahlen wurden vorzeitig von einem Staatsstreich gestoppt. Hachani muß geahnt haben, daß die Würfel längst gefallen sind, die Front islamique du salut um einen Sieg gebracht wird, den ihr nach 188 von 430 Mandaten im ersten Wahlgang niemand mehr nehmen konnte. Der Armee waren die Reformer der alten Regierung wichtiger als die Regeln einer Demokratie, auf die sich dieses Land seit drei Jahren mühevoll zubewegt.

Vom alten "Regime der Unabhängigkeit" steht nach drei Jahrzehnten der Einparteienherrschaft und des real existierenden Sozialismus unter südlicher Sonne nur noch ein letzter Pfeiler – die Armee populaire nationale, 170 000 Mann stark, vierzig Prozent davon Berufsoffiziere, ausgebildet an sowjetischen oder französischen Militärakademien, mäßig besoldet, aber bestens versorgt mit Wohnungen, Lebensmitteln und Sozialeinrichtungen.