Helmut Kohl erfüllt die Sehnsucht nach der neuen deutschen Normalität

Von Gunter Hofmann

Bonn, im Januar

Helmut Kohl, im Oktober zehn Jahre im Amt, befindet sich auf dem besten Wege, zu einer Ausnahmefigur unter den sechs Kanzlern der Republik zu werden. War er noch bis zum Herbst 1989 der hochumstrittene, leidenschaftlich kritisierte, bespöttelte Regierungschef, sieht es heute so aus, als spare die Kritik erstmals überhaupt in der Kanzlergeschichte diesen Amtschef einfach aus. Gäbe es nicht die unermüdliche Titanic, könnte man sogar glauben, selbst den Spottdrosseln ginge die Luft aus.

Das Bild vom Kanzler Birne, keineswegs nur vom Spiegel lange Jahre gepflegt, bis dann plötzlich im Wahl- und Vereinigungsjahr 1991 Kohl auf dem Titel als "Der glückliche Riese" auftauchte und Rudolf Augstein seine Kanzlerverrisse in Kanzlerhuldigungen umwidmete, dieses Bild hatte sich verbraucht oder versagte. Es hatte zuviel Häme gegeben, der die kritischen Maßstäbe fehlten.

Allerdings bestätigt die Demoskopie weiterhin die These des Wahlforschers Dieter Roth, Kohl sei und bleibe ein "ungeliebter Kanzler". In Ostdeutschland, wo die großen Erwartungen sich zu einem überlebensgroßen Kohl-Bild verdichteten, fliegt inzwischen schon mal ein Ei gegen den Kanzler.

Bisher trugen gerade die Kronzeugen und "Freunde" wie George Bush, François Mitterrand oder auch Michail Gorbatschow dazu bei, den Kanzler fast unangreifbar zu machen. Seit dem 9. November 1989, könnte man auch argumentieren, habe Kohl aber schließlich im Unterschied zu manchen seiner Kritiker einfach alles oder fast alles richtig gemacht. Um so besser, Kritik ist kein Selbstzweck.