Brav hatte sich König Juan Carlos die dunkle Wollmütze über den Kopf gestülpt und eine große Sonnenbrille aufgesetzt, um auf den Skipisten in den Pyrenäen nicht aufzufallen.

"Das sind die lausigen Pflichten meines Amtes", hatte sein Großvater, Alfons XIII., einmal sarkastisch ausgerufen, als er einem Attentat nur knapp entgangen war. Sechzig Jahre später muß sich auch der Enkel täglich vor baskischen Terroristen hüten, die in den Pyrenäen zahlreiche Schlupfwinkel besitzen.

Ein skifahrender König, der vor roten und schwarzen Pisten keine Angst hat, ist freilich in mancherlei Hinsicht gefährdet. Am Nachmittag des 28. Dezember war es vermutlich ein abwärts rasender Schüler aus dem Pyrenäendorf Arties, der den Halbmaskierten derart rammte, daß beide stürzten. "Haben Sie sich verletzt?" soll der Junge den Unbekannten gefragt haben, bevor er weiter zu Tal brauste. "Keine Sorge, mein Junge", rief der, "mir ist nichts Ernsthaftes passiert!"

Heute wüßte der Skifahrer mit Pudelmütze und dunkler Sonnenbrille allerdings gern, wer ihm da den Weihnachtsurlaub in den Pyrenäen so gründlich vermasselte, daß er erst neun Tage später auf Krücken aus einer Spezialklinik in Madrid humpeln konnte und ausgerechnet zu Beginn des spanischen Ereignisjahres 1992 vorerst alle Termine absagen mußte – eine schlimme Verletzung am rechten Knie, die operiert werden mußte. König Juan Carlos trägt seitdem das rechte Bein in Gips und weiß noch nicht, ob er überhaupt wieder auf die geliebten Skier umsteigen kann.

Zum privaten Ärger kommt nun der öffentliche Medienrummel. Ein sportlicher König gefällt den Spaniern zwar, aber sind riskantes Skilaufen und Segeln, Autofahren und Steuern eines Düsenjets für ein Staatsoberhaupt nicht doch zu gefährlich? Immerhin, so rechnet die Öffentlichkeit besorgt vor, ist der Zusammenstoß bei Baquera Beiret schon der neunte Sportunfall in fünfzehn Jahren. Der 54jährige König, der seinen Sport stets mit Leistungswillen und Ehrgeiz betreibt, verletzte sich nach einem Tennismatch mit dem Profi Manuel Santana einmal so schwer, daß er wochenlang einen Arm in Gips tragen mußte. Bei der Verleihung des Aachener Karlspreises war er mit veilchenblauem Auge zugegen, weil er bei der Jagd in Schweden gegen den Ast eines Baumes gelaufen war. Nach einer Segelregatta auf dem Gardasee blieb er im Sturm so lange verschollen, daß ihn erst die Küstenwacht retten konnte.

Seinen Sicherheitsbeamten hat der König zwar versprochen, daß er seine Ausflüge auf dem schweren Motorrad vorerst einstellen und auch einen silbergrauen Flitzer häufiger in der Garage lassen wolle; beim jüngsten Besuch von König Hassan II. von Marokko in Madrid rasten Gast und Gastgeber dann aber doch allen protokollarischen Pflichten davon.

Ist Juan Carlos nun ein rey valiente, ein tapferer König, oder handelt er verantwortungslos, weil er zuweilen keine Vorsicht walten läßt? Beim Anblick ihres humpelnden, fröhlich mit den Krücken winkenden Königs ist Spaniens Öffentlichkeit gespalten: Die einen raten zu mehr Vorsicht; die anderen, wohl die meisten, wollen dem beliebten Monarchen seine Ausflüge aus dem Madrider Palast aber nicht mißgönnen.

Als er jetzt das Krankenhaus wieder verließ, zeigte Juan Carlos auf seine Krücken: "Diese Dinger hat man mir zu Weihnachten geschenkt, aber nächsten Winter werde ich bestimmt wieder skilaufen." Volker Mauersberger