Angenommen, ein Student aus Schwaben, zwei ungelernte Arbeiter aus Izmir, ein arbeitsloser sächsischer Maurer, ein lettischer Jude ohne gültiges Visum und ein von der Polizei gesuchter Asylant aus Ghana würden in Berlin als Baubrigade ein marodes Krankenhaus entkernen, um daraus Wohnungen für den kommenden Ministerialbedarf in der Hauptstadt herzurichten – dürfte das komisch sein? Nein. In einem öffentlich geförderten Filmprojekt wären die in dieser Mischung explosiven Vorurteile nur unter dem Vorbehalt zugelassen daß sie sämtlich sozialtherapeutisch abgebaut würden.

Gut, ein Hammer flöge versehentlich vom Dach. Ansonsten herrschten Innenansichten der Betroffenen als ausgewogene Positionen vor. Eine schwäbische Gemächlichkeit, eine türkische Lebensfreude, eine sächsische Pfiffigkeit, jüdische Melancholie und afrikanische Leidenschaft. Zuviel an Temperament für einen deutschen Film, der die Konflikte im Einwanderungsland Bundesrepublik lieber mit erzieherischem Ziel verfolgt Humor ist allerdings auch ein Grundrecht, das mit dem Mut zur Harmonievermeidung durchzusetzen wäre.

Wie zum Beispiel in dem englischen Film von Ken Loach, der in Babelsberg mit dem europäischen Filmpreis ausgezeichnet wurde. „Riff-Raff“ (ein Wort der vieldeutigen Gemeinheit, wie sie lautmalerisch auch auf deutsch funktioniert) ist vor allem eine explosive Genre-Mischung, die in dreistem Zugriff das soziale Dokument mit der komischen Form verschmilzt. Die Wirkung ist so lapidar wie jedes Mittel, das hier zur Anwendung kommt: einfach umwerfend.

Wie in den besten Cassavetes-Filmen ist die Handkamera bei Loach auf Tuchfühlung mit der Realität. Doch die extrem langen Brennweiten verhindern eine Berührung mit dem Geschehen. Nähe und Distanz zugleich werden zur Perspektive des Films. Der alte Klassenkampf ist dabei, eine Liebesgeschichte am Rande, Solidarität und Selbstausbeutung, der innere Bürgerkrieg und eine Sehnsucht nach Afrika. Das Engagement, das der Regisseur in lakonischer Balance hält, wendet sich nie ausdrücklich einem Thema zu. Sein Thema ist der engagierte Zusammenhang, der Widerspruch als gewitzter Stolperstein. Das Scheitern ist ebenso komisch wie die Revolte, die Brüderlichkeit genauso dringend wie der Neid. Denunziert wird niemand, höchstens der gute Vorsatz, vorurteilsfrei zu sein.

Ein Trupp zusammengewürfelter Gelegenheitsarbeiter aus allen Ecken Englands und des Empire wird angeheuert, ein altes Londoner Spital zu Luxuswohnungen umzubauen. Lange Zeit ist kaum auszumachen, ob es sich dabei um einen Abriß oder um einen Aufbau handelt. Diese Bewegung in die räumliche und soziale Ziellosigkeit nutzt der Film, um von den Männern am Bau zu erzählen. Der junge Stevie (Robert Carlyle), mit der pudellosen Mütze, die er nie absetzt, findet en passant Post, die eine junge Frau verloren hat. Als Überbringer der Fundsache beginnt er eine scheue, fast sprachlose Liebe zu Susan (Emer McCourt), die hofft, eine Karriere als Pop-Sängerin zu machen. Bei einem Kneipenkonzert, zu dem Stevie Freunde vom Bau mitschleppt, wird das klägliche Stimmchen ausgepfiffen. Larry (Ricky Tomlison), der ältere, gewerkschaftlich engagierte Freund, erzwingt von den Rabauken im Saal Applaus für Susan. Das ist brüderlich gedacht und bewegend.

Das Gegenteil von Solidarität schließt sich an in der nächsten Szene. Die illegal eingestellten Schwarzarbeiter brauchen einen Kollegen, der ihre Wochenschecks auf der Bank einlöst. Denn sie sind unter falschem Namen registriert. Ein Afrikaner erklärt sich zum Freundschaftsdienst bereit. Allerdings verlangt er eine happige Gegenleistung, fünf Pfund Provision, Ein Schwarzer, der weiße Underdogs ausbeutet? Die Weißen verweigern ihm die Provision. Auf jeden Schub sozialen Glücks in „Riff-Raff“ folgt unerbittlich ein Fetzen der Enttäuschung. Das Reich der Illusion zu schmälern ist ein altes Vorrecht der Aufklärung. Loach nimmt es wahr.

Als die Sängerin beim Bauarbeiter einzieht, helfen die Männer vom Bau selbstverständlich. Einer, der den Transportwagen besorgte, hilft nicht. So gibt es in fast jeder Szene ein Kraftfeld, für die Aufmerksamkeit, das vorzugsweise am Rand liegt. Susans Kitsch verdeckt die Schäbigkeit. Stevies Brutalität bemäntelt seine Sehnsucht, einen Menschen festzuhalten.