Die Chance ist schon fast verspielt: Der Niedergang der sozialistischen Wirtschaftsordnungen hätte eine Blüte der Marktwirtschaft einleiten können. Statt dessen herrscht das Krämertum. Wie es ihnen gerade paßt, regieren die Politiker der Industrienationen entweder zuviel in den Markt hinein – Beispiel Agrarpolitik; oder sie scheuen sich davor, Marktunvollkommenheiten durch wirtschaftspolitische Maßnahmen zu beheben – Beispiel Umweltpolitik. Weil die Politiker konfliktscheu sind, machen sie sich selbst zum Büttel von Interessengruppen: auf Kosten der Mehrheit der eigenen Bevölkerung, auf Kosten der Menschen in der Dritten Welt und auf Kosten der bedrohten Umwelt.

Das Debakel der nach fünf Verhandlungsjahren festgefahrenen Gatt-Verhandlungen zur Liberalisierung des Welthandels läßt auch für die im Juni in Rio de Janeiro bevorstehende große Konferenz über Umwelt und Entwicklung (UNCED) das Schlimmste befürchten. Und dort geht es um weit mehr als nur um Marktanteile im Agrarpoker: Die Zukunft des Planeten steht zur Debatte.

In seinem Buch über Grundsätze der Volkswirtschaft und Besteuerung, im Jahr 1821 erschienen, schrieb der britische Nationalökonom David Ricardo, daß die einzige Wirkung von hohen Zöllen oder von Ausfuhrprämien "eine verderbliche Verteilung des Vermögens der Gesellschaft" sei. Sie stelle deshalb, so Ricardo, die "schlechteste Art von Besteuerung" dar. Heute, 171 Jahre nach Drucklegung von Ricardos Werk, scheint es, daß die Wirtschaftspolitiker von der Erkenntnis entweder nichts wissen oder nichts wissen wollen.

Obwohl der Kompromißvorschlag des Gatt-Generaldirektors Arthur Dunkel zum Agrarstreit durchaus vernünftig ist, weigert sich insbesondere die Europäische Gemeinschaft, im Handelskrieg um die Agrarmärkte endlich einzulenken. Zum Schutz ihrer Bauern und des Agrarbusineß setzen die größten Industrie-Exportnationen sogar ihre wirtschaftliche Zukunft aufs Spiel. Mit Zähnen und Klauen verteidigt die EG ihren verhängnisvollen Agrarprotektionismus, der neunzig Prozent aller Produkte sogenannten Marktordnungen unterwirft und die europäischen Bauern zu Exportweltmeistern gemacht hat. Japan, existentiell auf freie, Märkte für seine Autos, Hi-Fi-Geräte, Kameras und Computer angewiesen, weist zum Schutz seiner Reisbauern ausländische Agraranbieter an der Grenze brutal zurück. Und die Vereinigten Staaten beteiligen sich nach Kräften am wahnsinnigen Wettlauf um Anteile am Weltagrarmarkt.

Die großen Industrienationen sind unfähig, die Krise ihrer Landwirtschaft zu lösen. Anstatt den überfälligen Strukturwandel endlich zuzulassen, versucht jeder auf seine Weise, die Agrarprobleme zu exportieren: der eine, indem er die Grenzen für ausländische Anbieter dichtmacht, der andere, indem er auf den Weltagrarmärkten subventionierte Produktionsüberschüsse abkippt – beggarmy-neighbour- Politik übelster Art.

Es ist fast kurios, daß die Hauptleidtragenden dieser Bankrotterklärung der Wirtschaftspolitik, Verbraucher und Steuerzahler, die Protektionisten per Stimmzettel ins Amt gewählt haben: Kosten von sechzig Milliarden Dollar jährlich lassen sich die Japaner von ihren Agrarpolitikern aufbrummen, siebzig Milliarden die Einwohner der Vereinigten Staaten und über 130 Milliarden Dollar die Europäer. Diese Summe entspricht einem Vielfachen der weltweiten Entwicklungshilfezahlungen.

In der Tat wäre der Verlust, den die reichen Länder sich selbst zufügen, fast noch erträglich im Vergleich zu dem Schaden, den der Agrarprotektionismus Drittländern beschert. Durch die subventionierten Überschußexporte vor allem der USA und der EG wird das Niveau der Weltmarktpreise so stark gesenkt, daß nicht nur Australien, Neuseeland und Kanada – Agrarexporteure aus dem Klub der Wohlhabenden – in ernste Schwierigkeiten geraten sind. Es trifft vor allem viele Entwicklungsländer und die neuerdings marktwirtschaftlich orientierten Länder Osteuropas, die sich am Subventionswettlauf nicht beteiligen können.