Gebannt und besorgt verfolgt die Welt, wie die Erben der Sowjetunion mit dem Nachlaß von siebzig Jahren Kommunismus und 45 Jahren Weltmacht fertigwerden. Besorgnis ist in der Tat angebracht, wenn ein Staat von 300 Millionen Menschen, mit vier Millionen Soldaten und 30 000 Atomwaffen liquidiert wird. Aber sie sollte den Blick nicht trüben für eine erstaunliche Leistung der "Gemeinschaft Unabhängiger Staaten" (GUS): Bisher wird das Erbe friedlich verteilt.

Was wurde im Westen nicht alles prophezeit: ethnische Pogrome, Soldatenaufstände, nukleare Bürgerkriege, Massenflucht. Fürs erste muß dieses düstere Bild revidiert werden. Die neuen Republikführer haben Lob verdient. Zwar sind die Vereinbarungen, die sie – wie jetzt die Regelung für die Schwarzmeerflotte – miteinander aushandeln, noch vieldeutig; zwar sind die Erklärungen, mit denen sie die alten Abrüstungsverträge der Sowjetunion übernehmen, noch unbeholfen. Eines ist jedoch unübersehbar: ihr Wille, miteinander pragmatisch klarzukommen und sich auch vor den ererbten internationalen Verpflichtungen nicht zu drücken.

Niemand kann sagen, wie lange das noch gutgeht. Aber daß es bisher gutgegangen ist, wer hätte es zu hoffen gewagt? –cb–