Von Hans Harald Bräutigam

Großschweidnitz, im Januar

Im schwarzen Dreieck zwischen Böhmen, Polen und Sachsen spielt sich ein deutsches Drama ab. Das Textbuch hat die Stasi verfaßt. Die Mitwirkenden: ein Nervenarzt, heute in tiefe Depression verfallen; ein zur Tatzeit depressiv kranker Pfarrer, der jetzt, Jahre später, aus einer Stasi-Akte von der gegen ihn gerichteten Bespitzelungsaktion erfährt; und viele ahnungslose Zuschauer und Überbringer quälender Botschaften, die in Nebenrollen agieren.

Der Tatort ist das Fachkrankenhaus für Psychiatrie in Großschweidnitz, einem Flecken in der Oberlausitz im südöstlichen Zipfel Deutschlands. Es liegt dort am Rande der großen Verkehrswege, abgeschieden wie die meisten Nervenkliniken und versteckt unter den Bäumen eines waldähnlichen Parks. Der sächsische König hatte das Hospital 1902 für seine seelisch kranken Untertanen bauen lassen. Barmherzigkeit und ärztliche Hilfe sollte es den vielen tausend Patienten bringen, die, mit Depression und Sucht geschlagen, eingewiesen wurden.

Um die äußerliche Erneuerung kümmern sich Maler und Bauarbeiter, die seit zwei Jahren die Spuren vierzigjähriger Verwahrlosung zu beseitigen versuchen. Die ersten Zeichen des Neuanfangs – wenigstens kosmetisch sind sie gesetzt. Hinter den Mauern der Klinik allerdings sind die Gespenster der Vergangenheit eben erst wieder zu neuem Leben erwacht.

Am Donnerstagmorgen voriger Woche herrschte helle Aufregung in Großschweidnitz. Am Abend zuvor war in der ARD-Sendung Brennpunkt der sächsische Innenminister Heinz Eggert aufgetreten, den die Stasi über Jahre hinweg, als er noch Pastor in dem Dörfchen Oybin und Studentenpfarrer in Zittau war, unerbittlich verfolgt hatte. Wie eine Bombe schlugen die Anschuldigungen ein, die der Minister gegen den Chefarzt Reinhard Wolf von der psychiatrischen Männerabteilung der Klinik in Großschweidnitz erhob.

Aus voller Gesundheit sei er, berichtete Eggert, während eines Ostseeurlaubs im Jahre 1983 an einer Ruhr erkrankt. Er vermutet, daß ihn die Staatssicherheit auf hinterlistige Weise mit Viren infiziert habe. Als sich bei ihm nach der Rückkehr aus dem Urlaub eine Depression einstellte, habe ihn sein Hausarzt an die Nervenklinik Großschweidnitz überwiesen. Ihn habe der Nervenarzt Reinhard Wolf behandelt, mit Psychopharmaka vollgepumpt und seine Krankengeschichte an die Stasi geliefert, die einen ganzen "Maßnahmenkatalog" zur "Zersetzung" seiner Persönlichkeit ausgearbeitet habe. Aus seiner Akte hat Heinz Eggert erfahren, daß Wolf Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Staatssicherheit war: Informant und Spitzel also.