Von Karl Strohmaier

Zur Jahreswende haben die europäischen Behörden in aller Stille eine heilige Kuh geschlachtet, genauer gesagt, die Impfung gegen Maul- und Klauenseuche eingestellt. Noch vor wenigen Jahren hatten die deutschen Veterinärbehörden die obligatorische Impfung aller Rinder erneut festgeschrieben. Was führte zu dieser Umkehr in der Seuchenpolitik?

Bis vor kurzem erfolgte die Bekämpfung dieser wirtschaftlich wahrscheinlich folgenschwersten Tierseuche in den europäischen Staaten unterschiedlich: Deutschland, Italien, Frankreich und andere impften seit den sechziger Jahren jedes Jahr alle über vier Monate alten Rinder. Der Kostenaufwand war beträchtlich. Allein in den alten Bundesländern mußten jährlich über fünfzig Millionen Mark dafür ausgegeben werden.

Bei einem Seuchenausbruch war zusätzlich in dem befallenen Gehöft der gesamte Bestand an ansteckbaren Tieren – Rinder, Schweine, Schafe und Ziegen – zu töten und unschädlich zu beseitigen. Andere Länder, vor allem England, Irland, Österreich und die nordischen Staaten, impften nicht, sondern töteten nur bei einem Ausbruch die Tiere des verseuchten Bestandes. Das erstaunliche Ergebnis der vergangenen 25 Jahre: In den impfenden Ländern brach die Seuche erheblich häufiger aus als in den nicht impfenden Staaten, und in letzteren waren die Ausbrüche meist Einschleppungen aus den impfenden Ländern.

Wie sind diese erstaunlichen Beobachtungen zu erklären? Der erste brauchbare Impfstoff gegen die durch ein Virus verursachte Seuche war 1938 in der Staatlichen Forschungsanstalt Insel Riems im Greifswalder Bodden entwickelt und nach dem Krieg in wenig veränderter Weise bis Mitte der sechziger Jahre im großen Maßstab hergestellt worden. In sogenannten Seucheschlachthöfen wurden Tausende Rinder künstlich in die Zunge infiziert und nach Ausbildung virushaltiger Blasen geschlachtet. Ihre Zungen wurden zur Gewinnung des Virus entnommen. Nach ihrer chemischen Inaktivierung bildeten die abgetöteten Mikroben die Grundsubstanz für den Impfstoff. Diese Methode war nur dann wirtschaftlich, wenn die Tierkörper anschließend als zum Genuß taugliches Fleisch vermarktet werden konnten. Durch die Säuerung des Muskelfleisches während des Abhängens wurde das Virus abgetötet, im Bindegewebe, den Sehnen, dem Speck, kurz in dem ganzen Abfall, der vor der Zubereitung weggeschnitten und als Schweinefutter verwendet wurde, blieb jedoch das Virus erhalten. Der Infektionskreislauf begann bei den Schweinen von neuem. Daher waren bis in die Mitte der sechziger Jahre die Schweine überproportional an den Neuausbrüchen beteiligt. Erst als 1966 durch eine Verordnung der Bundesregierung die Vermarktung von Fleisch infizierter Tiere verboten wurde, gingen die Neuinfektionen zurück. Als Folge der Anordnung mußte auch die Impfstoffproduktion auf Gewebekulturen umgestellt werden.

Trotzdem brach die Seuche fast jedes Jahr neu aus, ab 1970 allerdings so vereinzelt, daß in der Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere, wo alle Seuchenmeldungen gesammelt wurden, die meisten Primärausbrüche identifiziert und ihre Herkunft bestimmt werden konnte. Dabei stellte sich Erstaunliches heraus:

  • Die Impfungen waren schädlich! Von den seit 1970 bis zum bitteren Ende hochgerechneten 30 Primärinfektionen waren 22 auf die Herstellung und Anwendung von Impfstoff zurückzuführen, bei drei weiteren Fällen spricht der Zeitpunkt der Ausbrüche ebenfalls dafür, weitere Daten zur Bestätigung waren jedoch nicht mehr feststellbar. Zwei Ausbrüche traten bei Schweinen nach Verfütterung von infizierten Küchenabfällen auf, und drei Fälle konnten nicht mehr identifiziert werden.
  • Die Impfungen schützten nicht verläßlich. Die seit 1970 erfolgten etwa hundert Primär- und Folgeausbrüche beweisen: Wo immer der Krankheitserreger freigesetzt wurde, zuletzt 1987/88 aus einem Impfstoffwerk im Regierungsbezirk Hannover, traf er auf empfängliche Tiere, die erkrankten.
  • Die Impfungen waren wirkungslos gegen Einschleppungen von außen. Nur bei den zwei Fällen in Schweinebetrieben muß eine Einschleppung von außen angenommen werden. Schweine werden generell nicht geimpft, daher konnte die Impfung der Rinder die Ausbrüche nicht verhindern. Außerdem wurden in beiden Fällen nichtheimische Virustypen festgestellt, gegen die unsere heimischen Impfstoffe nicht ausreichend schützten.