Von Helmut Becker

Ein Gast mit schlechten Manieren", lautete eine Schlagzeile der japanischen Tageszeitung Asahi Shimbun in der vergangenen Woche. Wem dieser offene Tadel galt, wußten Nippons Leser schon vor der Lektüre des Artikels: dem Benehmen von US-Präsident George Bush und seiner hochkarätigen Begleitung von Ministern und achtzehn Chairmen amerikanischer Konzerne. Selten zuvor war die japanische Öffentlichkeit von der eigenen Regierung so ausgiebig wochenlang bearbeitet worden, "Mitgefühl mit den Nöten des amerikanischen Partners zu zeigen", wie Japans Premier Kiichi Miyazawa in seiner Neujahrsansprache vor seinem Volk flehte. Verständnis solle der einfache Japaner auch deshalb für eventuelle Opfergaben an den hohen Gast aufbringen, weil der als Wahlkämpfer in eigener Sache anreise, ließ Miyazawa wissen, der selbst zur Jahresmitte Oberhauswahlen zu bestehen hat. Die Regierung in Tokio war den werbenden Appellen mit gutem Beispiel vorangegangen.

Seit Mitte Dezember hatte das Kabinett alles getan, um der routinemäßigen Forderung Amerikas entgegenzukommen, Japan möge seine momentan flaue Konjunktur ankurbeln. Dieses Begehren steht seit über zehn Jahren stets ganz oben auf jeder amerikanisch-japanischen Gipfelagenda, je schlechter es der amerikanischen Wirtschaft geht, desto höher. Eine florierende inländische Konjunktur löse in Japan einen Importsog aus, der das amerikanische Handelsdefizit mit der fernöstlichen Wirtschaftsmacht abbauen helfe – so lautet das Credo der Amerikaner. Nach einem Defizit von über 500 Milliarden Dollar im Handel mit Japan seit 1980 müßten die USA eigentlich gelernt haben, daß auf solch simple Lehrsätze wenig Verlaß ist, wenn sie auf Japan Anwendung finden sollen. Das weiß niemand besser als die japanische Regierung, die deshalb eilfertig den Versuch unternahm, den USA die Wünsche bereits zu erfüllen, bevor Bush sie in Tokio formulieren konnte.

Als Appetithappen ließ Miyazawa am 20. Dezember die bis dahin stark reglementierten Höchstgrenzen für Immobilienkredite seitens japanischer Banken liberalisieren. Nachdem sich Miyazawa die Assistenz der verschreckten Grundstücksspekulanten gesichert hatte, legte er einen Haushaltsentwurf für das kommende Fiskaljahr vor, in dem die öffentlichen Investitionen hochgefahren werden – auf Pump, versteht sich. Der erfahrene Außen- und Finanzpolitiker Miyazawa glaubte damit eine geradezu klassische US-Forderung als erledigt abhaken zu können. Schon 1987 hatte der damalige US-Präsident Ronald Reagan seinen Duzfreund Yasuhiro Nakasone auf üppige öffentliche Investitionen eingeschworen. Dadurch sollte die japanische Wirtschaft aus dem Konjunkturtal getrieben und der Handelsüberschuß mit den USA abgebaut werden. Nippons Premier und sein damaliger Finanzminister Miyazawa taten Reagan den Gefallen und setzten die gewaltige Spekulationsblase ins Werk, durch deren Platzen Japans Konjunktur seit vergangenem Jahr außer Tritt geraten ist und Nippons Industrie wie nie zuvor in den Export treibt. Am 30. Dezember steuerte die Notenbank ihr Scherflein bei, um den hohen Gast freundlich zu stimmen. Wider bessere Einsicht senkte die Bank von Japan den Diskont um 0,5 Prozent auf 4,5 Prozent, unter Beifall der Spekulanten an der Börse.

"Mit diesen Bush-Geschenken sind wir für den Besuch gerüstet", glaubte die Wirtschaftszeitung Nihon Keizai Shimbun, "es sei denn, die US-Delegation will kurzfristige Erfolge mit nach Hause nehmen." Exakt dies war das Ziel der amerikanischen Visite. Je näher sich Bush auf seiner Asienreise durch Australien, Singapur und Südkorea dem Reich des Tenno annäherte, um so deutlicher wurde die Botschaft: Der US-Präsident werde Problempartner Japan diesmal nicht mit abstrakten leeren Versprechungen davonkommen lassen, sondern Importe einklagen und damit daheim Arbeitsplätze schaffen.

Das Ministerium für Handel und Industrie, das als Dirigent der Japan AG gefürchtete Miti, hatte die Nase schon ein wenig früher im Gegenwind aus Washington gehabt. Drei Viertel des amerikanischen Jäpandefizits von 41 Milliarden Dollar kämen aus dem bilateralen Geschäft mit Autos und Autoteilen und nervten den Präsidenten besonders, hatte man dem Miti aus Amerika signalisiert. Hier müsse Tokio Bush entgegenkommen. Damit Bush bei seinem Schwur, Japans Markt im Sturm zu erobern, vor Ort nicht kläglich scheiterte und die vermeintliche Krönung seiner Asientournee als Fiasko abschreiben müßte, hatte das Miti die heimische Autobranche und Großimporteur Yanase auf mögliche Konzessionen abgeklopft. Denn Bushs Delegationsliste ließ keinen Zweifel daran, wo der amerikanische Präsident konkrete Erfolge wünschte: Die Chefetage der von der japanischen Konkurrenz hart bedrängten drei US-Autogiganten hatte sich ebenso angesagt wie die Creme großer Autozulieferer.

Als Japans Medien letzte Woche das Gipfelspektakel despektierlich als "Autogipfel" attackierten und Bush als "Handlungsreisenden" verspotteten, hatte das Miti hinter den Kulissen längst dafür gesorgt, daß der Gast sein Gesicht nicht verlieren mußte. So war es kein Sieg der Marktwirtschaft und auch kein Beweis für die berühmte Reaktionsgeschwindigkeit der japanischen Industrie, daß die fünf großen japanischen Autohersteller pünktlich zur Bush-Visite mit detaillierten Vertriebs- und Importplänen aufwarten konnten. Während Miyazawa und sein Gast am letzten Donnerstag sich und der Welt mit einer für solche Gipfeltreffen üblichen allgemein gehaltenen "Tokio-Deklaration" feierlich versicherten, "Japan und die USA verbindet das Bekenntnis zu einem gemeinsamen Wertesystem", konnten die Stäbe anschließend einen "Aktionsplan" vorlegen, in dem das Wertesystem blitzschnell bis auf Dollar und Cent veranschlagt war. Worum Daimler-Benz-Chef Edzard Reuter mühsam fast zwei Jahre mit seinen spröden Gesprächspartnern von Mitsubishi ringen mußte, erledigten Präsident Push, wie ihn Japans Medien beschreiben, und die Marktwirtschaftler im Miti mit einem Federstrich: Die fünf Großen der japanischen Autoindustrie werden ihr inländisches Händlernetz für US-Importwagen öffnen und geloben, jährlich 48 000 Wagen, davon 19 700 von den Fließbändern des Trios aus Detroit, abzusetzen und außerdem die Einfuhr von US-Autoteilen auf jährlich neunzehn Milliarden Dollar zu verdoppeln.