Von Klaus-Peter Schmid

Brüssel, im Januar

Diesmal war Egon Klepsch einfach nicht zu übergehen. Am Dienstag wählte ihn das Europäische Parlament zu seinem Präsidenten. Das hatte er schon immer werden wellen. Der große, stämmige CDU-Mann wird in vierzehn Tagen 62, "erst 62", wie er selber sagt. Er hat 1973 als jüngster deutscher Abgeordneter in Straßburg angefangen, heute gibt es nur drei länger gediente Euro-Parlamentarier. "Ich kenne nicht nur die Akteure, sondern auch die Innereien des Parlaments", sagt Klepsch so, als reiche das für das Präsidialamt.

In diesem Glauben war er vor zehn Jahren schon einmal angetreten. Zunächst sah es gut für ihn aus, doch dann überholte ihn der niederländische Sozialist Piet Dankert – aus war der Traum. Ein paar Bürgerliche hatten ihn im Stich gelassen. Verständlich, daß man beim nächsten Anlauf nichts dem Zufall überlassen wollte. Die ersten zweienhalb Jahre der Legislaturperiode durfte der spanische Sozialist Enrique Baron dark der konservativen Stimmen präsidieren, im Gegenzug verzichteten jetzt die Linken auf einen Gegenkandidaten. Vergeblich muckten die Liberalen gegen den schwarz-roten Kuhhandel auf.

"Das Parlament der Europäischen Gemeinschaft wird, alles in allem, den Präsidenten haben, den es verdient", begrüßte Le Monde ironisch den Neugewählten. Es ist nicht bekannt, daß irgend jemand an dem im Sudetenland geborenen Rheinländer eine spezifische Eignung entdeckt hätte. "Das Farbigste an ihm sind die Ordensbänder am Nadelstreifen-Revers", wurde beim Neujahrsenpfang für die Journalisten gefrotzelt. "Seine Ausstrahlung ist gleich Null", gestand ein sozialistischer Euro-Abgeordneter, der ihm dennoch seine Stimme gab, "Er ist nicht inspirierend", konstatierte der Economist und legte damit die Latte der Anforderungen ganz schön hoch.

Klepsch ist schon seit ewigen Zeiten Politiker, und doch würde ihn kaum jemand auf der Straße erkennen. Ab 1965 saß er fünfzehn Jahre lang im Deutschen Bundestag, trat vor allem als verteidigungspolitischer Experte der CDU/CSU-Fraktion in Erscheinung. Ein Hinterbänkler war er nicht, aber auch keiner aus der ersten Reihe. In Straßburg setzte er sich 1977 an die Spitze der um die CDU-Vertreter geschalten Europäischen Volkspartei. Da zieht er seitdem die Fäden, teilt Pöstchen zu, hält alle einschlägigen Gremien und Grüppchen unter Kontrolle.

Klepsch steht für europäische Routine. Er schlägt keine Funken, hält keine geschliffenen Reden, hat keine Wirkung nach außen. Erstaunlich, daß die Abgeordneten einen Mann zu ihrem Präsidenten machen, der quasi als Programm formuliert: "Eines meiner Hauptziele ist es, die Möglichkeiten der Geschäftsordnung zu nutzen." Dabei leidet das Parlament unter zwei Problemen, denen auch mit noch so gekonnter Handhabung der Prozeduren nicht beizukommen ist: unter seiner Ohnmacht und der Geringschätzung durch die Bürger.