Es gibt Bücher, die ersetzen Bibliotheken. Das des Schweizer Psychotherapeuten Gion Condrau gehört dazu. Wie ein altmodisches Lehrbuch kreist es den Gegenstand seiner Betrachtung ein. Differenziert, einfühlsam und nüchtern zugleich erzählt dieses Nachschlagewerk, wie der Mensch mit seinem Tod umgegangen ist in Geschichte und Gegenwart, in Malerei und Dichtung, in Religion und Wissenschaften. Auf dem Hintergrund eines immensen Wissens stellt es mehr Fragen, als es Antworten gibt. Der Leser ist nicht aus der Pflicht entlassen.

Nichts weist den Menschen so unerbittlich auf die Frage nach dem Sinn des Lebens hin wie der Tod. So beginnt das Buch mit dem Ursprung allen Seins, und schon sind wir gefangen in der Dialektik des Widerspruchs, die Reiz und Frustration dieses Themas ausmacht. Denn wann das Leben wirklich beginnt, hat aller Fortschritt bis heute nicht klären können – wie sollen wir dann das Rätsel seines Endes lösen können?

Condrau zeigt ohne moralisierende Besserwisserei auf, wie sehr die Götter der Moderne – Medizin, Technik, Biologie – ein Weltbild geprägt haben, in dem der Tod keinen Platz mehr hat. Daß dieser Verdrängungsmechanismus uns langsam bewußt wird und eine Diskussion über menschenwürdiges Sterben überfällig ist – dafür wirbt dieses Buch.

Doch auch wer Fakten und Daten aus der Vergangenheit sucht, ist gut bedient. Ob Stoa oder tibetanisches Totenbuch, ob griechische Tragödie, jüdischer Auferstehungsglaube oder deutsche Romantik, ob Sören Kierkegaard oder Martin Heidegger (der ein wenig zu oft zitiert wird), ob der Tod im Soldatenlied oder in Film und Fernsehen – nichts ist vergessen.

Daß da Fehler nicht ausbleiben, überrascht nicht. So ist die berühmte Darstellung vom Triumph des Todes auf dem Campo Santo in Pisa nach neueren Forschungen kein künstlerisches Memento mori aus den Jahren nach der großen Pest 1348, sondern schon in den Jahren zuvor entstanden. Aber insgesamt ist zu loben, wie differenziert die Darstellung des Themas trotz der unvermeidlichen Sauseschritte durch die Epochen bleibt. Mehr als ein Schönheitsfehler allerdings ist, daß ein fehlendes Register die Suche gerade wegen der Fülle des Materials äußerst mühsam macht.

Kein bloßes Anhängsel, sondern wesentlicher Bestandteil des Buches ist sein Bildteil. Er umfaßt vor allem künstlerische Darstellungen aus Jahrtausenden bis in die allerjüngste Moderne, aber auch Bilder von Bühneninszenierungen, Frühgeburten im Brutkasten, der Mumie eines Inka-Opferrituals. Das Thema mag uns schrecken, doch entfaltet der Autor keinen Horrorreigen, sondern ein Panorama von Ängsten und Sehnsüchten, von Größenwahn und Selbstzerstörung. Viel Stoff zum Nachdenken. Und vor einer allzu sentimentalen Nabelschau bewahrt uns der französische Existenzphilosoph Gabriel Marcel: "Was zählt, ist weder mein Tod noch der Ihre, sondern der Tod dessen, den wir lieben." Barbara Beuys

  • Gion Condrau: Der Mensch und sein Tod: certa moriendi condicio

Kreuz Verlag, Zürich 1991; 2. überarbeitete Auflage; 480 S., 98,– DM