Bessere Professoren kämen mit den Problemen der Massenuniversität auch besser zurecht

Von Sabine Etzold

Wenn Christof Gramm, Referent für Hochschulrahmenplanung im Bundesbildungsministerium, nicht mehr weiter weiß, empfiehlt er zeitgenössische Literatur. "Lesen Sie ‚Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten’; da wird geschildert, was hier los ist." In der Tat sind die Parallelen von Robert M. Pirsigs Kultbuch über den besonderen Umgang mit dem "System Motorrad" und dem Zustand der deutschen Hochschulen frappierend. Ohne weiteres etwa läßt sich die Passage vom Kolbenfresser übertragen. "Bei einem Kolbenfresser dehnen sich die Kolben infolge zu starker Erwärmung aus, werden zu groß für die Zylinder, fressen sich an den Zylinderwänden fest oder verschmelzen gar mit ihnen und blockieren dadurch den Motor und das Hinterrad, so daß das ganze Motorrad ins Schleudern kommt."

Überhitzt, festgefressen, blockiert – treffender läßt sich der Zustand des deutschen Hochschulsystems kaum beschreiben. Seit nach Kriegsende im Wintersemester 1945/46 die Universitäten wieder geöffnet wurden, steigen in der Bundesrepublik die Studentenzahlen ständig: 100 000 im ersten Nachkriegssemester, 110 000 im Sommersemester 1950, 291 000 schon 1960. 1980 wurde die Millionengrenze überschritten. Und es kann sich nur noch um wenige Jahre handeln, bis die Zwei-Millionen-Marke erreicht ist.

In diesem Wintersemester liegt die Zahl der Studenten bei über 1,75 Millionen. Sie hat damit in ganz Deutschland die Zahl des letzten Wintersemesters 1990/91 um 30 000 übertroffen und übersteigt wieder einmal weit die Zahl, die die Kultusministerkonferenz als Obergrenze vorausgesagt hatte.

Inzwischen reagiert kaum jemand mehr auf die Alarmmeldungen, mit denen die Hochschulen alljährlich signalisieren, daß sie ihren Überlastrekord vom Vorjahr gebrochen haben. Wenn es Ende des vergangenen Jahres dem Präsidenten der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Hans Uwe Erichsen, gelang, noch einmal kurz das öffentliche Interesse für die jüngste Katastrophenbilanz zu mobilisieren, so nur deshalb, weil er dem üblichen Jahresrekord einen anderen hinzufügen konnte: Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik gab es mehr Studenten als Auszubildende. (1990 standen 1 585 167 Studenten 1 476 900 Auszubildende gegenüber.)

Was Anfang der siebziger Jahre als ein höchst willkommenes Indiz für erfolgreiche Bildungspolitik, für die angestrebte Höherqualifikation durch größere Bildungsbeteiligung gegolten hätte, ist umgeschlagen in eine Art Bildungsfatalismus. Seit 1974 schwand die öffentliche Anteilnahme am Wohl der Hochschulen, die gemeinsamen Investitionen von Bund und Ländern für den Hochschulbau gingen zurück. Der Ausbau wurde bei rund 800 000 Studienplätzen gestoppt, mehr Personal nicht genehmigt. Die öffentlichen Kassen sind seit Mitte der siebziger Jahre leer. Die Wirtschaft signalisierte, qualifizierten Nachwuchs gebe es nun genug.