Von Bassam Tibi

Als die Truppen des britischen Empire am 6. November 1914 die südliche Peripherie des Osmanischen Reiches angriffen, gab es den Irak noch nicht einmal als eine einheitliche osmanische Provinz. Die Operation der Briten, die das indische Expeditionskorps D ausführte, wurde „Mesopotamien-Feldzug“ genannt. Die Briten eroberten seinerzeit die osmanisch Provinz Basra und dann Bagdad; erst viel später gelang es ihnen, in die vorwiegend von kurdischen Stämmen bewohnte Provinz Mossul einzudringen. Mit dem Mesopotamien-Feldzug leiteten die Briten nicht nur die Geschichte des modernen Irak ein, sondern sie kreierten dadurch erst den Gegenstand dieser Geschichte: das einheitliche Territorium, das man heute Irak nennt, sowie die künstliche Identität seiner Bewohner.

Seit Babylon und Mesopotamien hat es ein solches Gebilde nicht gegeben. Während der ersten beiden islamischen Reiche der Omaijaden von Damaskus und der Abbasiden von Bagdad gab es keinen Irak. Auch während des dritten islamischen Reiches der türkischen Osmanen war das heutige Territorium des Irak ein zwischen den sunnitischen Osmanen und dem schiitischen Reich der Safawiden umkämpftes Gebiet. Einen Einblick in diese Geschichte vermitteln Peter und Marion Farouk-Sluglett in ihrem Buch, das in einer britischen Ausgabe erstmals 1987 erschien. Der Golfkrieg war nicht nur der Anlaß für eine erweiterte britische Neuausgabe, sondern auch für eine deutsche Übersetzung, die nicht an die Tagesaktualität gebunden ist. Peter Sluglett ist ein bekannter britischer Nahost-Historiker, Marion Farouk-Sluglett eine Deutsche aus der ehemaligen DDR, die mit einem irakischen Kommunisten verheiratet war, der von Baathisten umgebracht wurde. Auch sie ist eine Nahost-Historikerin, die des Arabischen mächtig ist und lange Jahre im Irak gelebt hat.

Beide, mit ihrem Gegenstand also bestens vertraut, führen den deutschen Leser auf einer tour d’horizon in die Geschichte des Gebietes, das wir heute Irak nennen, ein, ehe sie zu ihrem eigentlichen Gegenstand, nämlich der geschichtlichen Entwicklung des Irak seit dem Sturz der Monarchie durch die Juli-Revolution von 1958, übergehen. Bei der Lektüre dieses Werkes stellt sich die Frage, ob man angesichts der territorialen und demographischen Heterogenität des Irak überhaupt von einer irakischen Identität sprechen kann. Die ehemalige osmanische Provinz Mossul ist nach wie vor vorwiegend kurdisch, wie die einstige Provinz Basra unverändert schiitisch ist. Das Zentrum des heutigen Irak, Bagdad, setzt die alt-osmanische Tradition der sunnitischen Herrschaft fort, obwohl die Sunniten niemals mehr als achtzehn bis zwanzig Prozent der „irakischen“ Bevölkerung ausmachten.

Das Ehepaar Sluglett zeigt, wie die Briten im August 1921 einen sunnitischen Prinzen von der arabischen Halbinsel, den Emir Faisal Ibn Hussein, als König des zu einem britischen Mandatsgebiet zusammengewürfelten Territoriums einsetzten. Als der Irak nach zwölfjähriger Mandatszeit 1932 unabhängig wurde, blieb das Land weiterhin in den Händen „einer kleinen Gruppe sunnitischer ... Beamter um König Faisal“. Sehr anschaulich wird in diesem Buch die Vorgeschichte des Sturzes der haschemitischen Monarchie im Juli 1958 dargestellt. Neben der wirtschaftlichen und politischen Misere der Monarchie herrschte ein Kampf um die Bestimmung der irakischen Identität: Sollten sich die Iraker als Teil einer ideologisch konstruierten „arabischen Nation“ verstehen oder als „direkte Nachkommen der Mesopotamier und Babyloner“, wie dies in amtlichen Schulbüchern damals zu lesen war? Die panarabische Bestimmung des Irak war seinerzeit eher die Version der politisch verfolgten Opposition.

Als die Monarchie während der sogenannten Juli-Revolution 1958 durch panararbische, vom Nasserismus beeinflußte irakische Offiziere gestürzt wurde, waren unter den putschenden fünfzehn Offizieren nur zwei Schiiten. Die anderen dreizehn waren Sunniten. Auch im republikanischen Irak wurde die Vormacht der Sunniten fortgesetzt, eine Tradition, die in dem von der Baath-Partei unter Saddam Hussein beherrschten Irak unverändert dominiert. Die Slugletts erklären, warum der Panarabismus keinen Anklang bei den Schiiten fand: Für sie ist er eine Gefahr, weil er trotz seiner einstigen säkularen Versicherungen die sunnitische Dominanz reflektiert. Im Irak fand die Kommunistische Partei, die einst die stärkste KP der arabischen Welt war, großen Anhang unter den Schiiten. Leider findet der Leser in diesem Buch keine Informationen über die Bemühungen Saddam Husseins, eine synthetisierte, zugleich panarabisch und mesopotamisch-babylonische Identität für den Irak zu konstruieren. Aus ihrer gescheiterten neunmonatigen Herrschaft im Jahre 1963 haben die irakischen Baathisten nämlich gelernt, daß sie mit ihrem puren Panarabismus weder bei den nichtarabischen Kurden noch bei den Schiiten ankommen.

Die Hälfte dieses Buches beschäftigt sich mit dem Irak unter Saddam Hussein und seiner Baath-Partei. Es grenzt ans Groteske, wenn man erfährt, daß diese zunächst als ein säkularer politischer Verband gegründete Partei von einem syrischen Christen Ende der vierziger Jahre in Damaskus ins Leben gerufen wurde und daß ihr irakischer Zweig 1951 von dem Schiiten al-Rikabi aufgebaut wurde. Heute ist diese Partei die Hochburg der arabisch-sunnitischen Herrschaft über die Mehrheit der kurdischen und schiitischen Bewohner des Irak. Die Slugletts klären den Leser gleich darüber auf, daß es sich hierbei nicht um eine Herrschaft von arabischen Sunniten über nichtarabische Kurden sowie über arabische Schiiten handelt. Angesichts der Tatsache, daß „die überwiegende Mehrheit der Landbewohner Schiiten sind, waren auch die meisten Armen auf dem Land Schiiten“, das heißt, es handelt sich um einen sektiererisch ausgetragenen sozialen Konflikt.

Es wäre falsch, die politische Elite unter Saddam Hussein allgemein als sunnitisch darzustellen: Es handelt sich vielmehr um die Clique aus der Heimatstadt von Saddam, also um die Takrit-Klientel, die die Slugletts als die Saddam-„Großfamilie“ vorstellen. Im Orient ist die tribale „Bint-Am-Ehe“ (das heißt, die Verehelichung mit einer Kusine), die im klassischen Islam die politischen Bündnisse untermauerte, nach wie vor die bevorzugte Eheform. Alle wichtigen sunnitischen Träger der Macht in Staat und Armee im Irak (bis auf Ramadan, Tarik Asis und Saadun Hammadi) stammen aus Takrit und sind miteinander verschwägert. Auch nach dem Golfkrieg kontrolliert dieser Personenkreis alle Schlüsselpositionen von den Geheimdiensten bis zur Republikanischen Garde in Saddams Republik der Angst. Nach dem Krieg brachen kurdische und schiitische Aufstände aus. Die schiitischen Greueltaten gegen sunnitische Funktionäre sind von den Republikanischen Gardisten schwer gerächt worden. Diese Aufstände führten als Nebeneffekt zu einem engeren Zusammenhalt der arabischen Sunniten aus Angst vor landesweiten Blutbädern gegen sie, vergleichbar mit jenen von Basra im vergangenen März.

Saddam Hussein sitzt heute wieder fest im Sattel, wenngleich er nicht mehr als „Held der Araber gilt“. Die Slugletts sehen in der einstigen Popularität des Henkers von Bagdad ein Zeichen dafür, „wie sehr ... die arabische Welt ... in den vergangenen Jahrzehnten verkommen“ ist. Die Bewunderung für Saddam war mehr ein Ausdruck des „verbreiteten Gefühls totaler Hoffnungslosigkeit“ als eine Zustimmung zu seiner Politik. Die Menschen im Westen verstehen die arabische Saddam-Hussein-Generation des Golfkrieges ebensowenig wie den Zusammenhalt der Takrit-Klientel und der arabischen Sunniten des Irak hinter Saddam Hussein, der noch viele Jahre an der Macht bleiben wird. Auch können sie sich offenbar nicht vorstellen, daß in naher Zukunft ein erneuter Ausbruch einer weiteren Saddam-Hussein-Generation auf der Tagesordnung steht, wenn das Elend weiter anhält. Der Golfkrieg ist vorbei, nicht aber seine Bedingungsfaktoren. Dieses Buch hilft, diese Zusammenhänge besser zu verstehen.

• Peter Sluglett, Marion Farouk-Sluglett: Der Irak seit 1958

Von der Revolution zur Diktatur; aus dem Englischen von Gisela Brock; Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1991; 350 S., 18,– DM