Hurra, ein Debüt! Judith Engel spielt Schillers Jungfrau von Orleans, ihre erste Rolle nach der Schauspielschule. Sie tut es todesmutig und behutsam, mit großem Ernst und großer Freude. Sie tastet sich über dünnes Eis, nicht zu langsam, nicht zu schnell, nicht zu laut und nicht zu leise, und sie bricht nicht ein!

Judith Engels Johanna ist gerade noch ein Kind, eine wahre Unschuld vom Lande (und die "ländliche Gegend", aus der Schiller sie kommen läßt, vermuten wir irgendwo im Umland von Berlin). Sie ist restlos naiv. Eben hat sie vielleicht noch ihrem Vater die Heugabel aus der Hand genommen, um ihm zu zeigen, wie man heugabelt, jetzt krempelt sie die Ärmel auf und rettet Frankreich. "Stirb!" schmettert sie Montgomery entgegen, und es klingt wie "eins – zwei – drei – hundert, ich komme!" Worauf der Feind vor Schreck (wirklich!) im Erdboden versinkt.

An Schillers romantischer Heldinnen-Tragödie kann man schon beim ersten Lesen verzweifeln, so hohl tönt ihre Rhetorik, so falsch klingt ihre Beschwörung von "goldnem Preis" für "hohe Rittertat". Die "Jungfrau von Orleans" ist ein Himmelfahrtskommando für jeden Regisseur (und landet wohl nur als demütiges Geschenk an alle Deutschlehrer und Abonnenten auf deutschen Spielplänen).

Mit Judith Engels Hilfe ist Anselm Weber trotzdem beinahe eine Inszenierung gelungen. Ort der Handlung ist Theaterland: Im Kammerspiel des Frankfurter Schauspiels umschließen wüstenrot getünchte Betonwände eine große Sandkiste (mit Katzenstreu statt Sand, Bühne: Raimund Bauer).

Die Kämpfer und Krieger tragen irgendwie diffus mongolische (oder bloß diffuse) Gewänder, die Hofgesellschaft kommt in Kleidern unseres Jahrhunderts daher (Kostüme: Daniele Schneider-Wessling). Feldmarschall du Chatel sieht aus wie Hindenburg; Johanna stammt aus einer Kroetzschen Kuchel, und ihr Raimond ist der Dorfdepp. Die englischen Offiziere werden von adretten Krankenschwestern gepflegt, ein junger Kellner serviert den Whisky nach der Schlacht. Das ist alles mutig ausgedacht, meistens klug, oft komisch und manchmal übermütig.

Eine Geschichte aus Schillers Sprechoper erzählt Anselm Webers Inszenierung am schönsten (und feinsten): Der Hof Karls VII. ist auf so verdorbene Weise kultiviert, daß Johannas jungfräuliche Reinheit dort nur stört. Der König (sehr technisch: Jörg Pose) und seine Agnes Sorel (zart und sehr diszipliniert: Friederike Kammer) sind ein modernes Paar, ganz ineinander versunken. Wir stellen sie uns in einer Jugendstilvilla vor, mit einem großen Park drumherum. Der Kampf um das Reich ist ihre private Gesellschaftskomödie, und wenn Agnes ihre Juwelen in die Kriegskasse wirft, ist das bloß ein neuer, überraschender Schachzug im Liebesspiel dieses Pärchens, eine willkommene Zerstreuung.

Und als Johanna mit blauen Augen in diese feinsinnig-dekadente Welt platzt, ist sie zunächst auch nicht mehr. Der König übergibt ihr den Oberbefehl über sein Heer – warum auch nicht? Dann aber wird die Jungfrau langsam (und ohne daß wirklich ein Wort darüber fällt) zur Bedrohung – besonders für die Sorel, die schleimig Freundschaft heuchelt. Johannas gerader Sinn ist gegen die Regeln, und ihre Beharrlichkeit auch. Als sie sich nach gewonnener Schlacht nicht unter die Haube bringen lassen will, ist das Maß voll: Jetzt muß sie zum Mythos zugerichtet werden; jetzt muß sie sterben.