Nach Öffnung der ostdeutschen Archive werden auch die Betriebe verstärkt mit der Vergangenheit konfrontiert. Dabei geht es um Wahrheit, nicht um Rache.

Im Herbst 1989 zogen die Montagsdemonstranten an der Leipziger Zentrale der Staatssicherheit vorbei und riefen: "Stasi in den Tagebau" oder "Stasi in die Produktion". Die Euphorie dieser Tage ist längst verflogen und dem frustrierenden Alltag im vereinten Deutschland gewichen. Unterdessen haben jedoch offizielle und inoffizielle Mitarbeiter der Stasi die Parolen der Demonstranten gründlich beherzigt. Stasi-Leute arbeiten nicht nur als Straßenbahnfahrer, Kfz-Mechaniker und Vertreter. Ganze Seilschaften tauchten unter, gründeten Unternehmen und versuchten auf andere Weise, am siegreichen Kapitalismus zu verdienen.

Während sich jedoch Deutschlands Intellektuelle über das Verhältnis von Opfern und Tätern an der Humboldt-Universität und am Prenzlauer Berg gegenseitig zerfleischten, stand die deutsche Wirtschaft dem Phänomen Staatssicherheit lange eher gelassen gegenüber. Zwar beschäftigt die Treuhandanstalt Vertrauensbevollmächtigte, die Stasi-Vorwürfen aus der Belegschaft und der Bevölkerung nachgehen sollen. Stasi-belastete Geschäftsführer von Treuhandbetrieben verlieren ihren Arbeitsplatz, Klauseln in Kaufverträgen sollen verhindern, daß ehemalige Stasi-Leute Betriebe von der Treuhand erwerben. In vielen Chefetagen herrscht jedoch der verständliche Wunsch vor, das Überleben des Betriebes nicht durch persönliche Abrechnungen in Frage zu stellen. Das Erbe der Stasi wird die Unternehmen in den kommenden Monaten aber nicht in Ruhe lassen.

Seit dem 1. Januar können alle Stasi-Opfer ihre Akten einsehen, und je öfter dies geschieht, desto mehr werden Stasi-Anschuldigungen auch zum Konfliktthema am Arbeitsplatz werden. Es ist eben ein Unterschied, ob man theoretisch weiß, daß jede Personalakte über Stasi-Tische ging, oder aber ob man schwarz auf weiß liest, wer wen denunziert hat.

Zufällig wurde mit den ersten Enthüllungen infolge des Stasi-Aktengesetzes der Fall Wolfgang Berghofer publik. Beim Prozeß wegen des Verdachts der Wahlfälschung gegen den früheren Dresdner Oberbürgermeister kam nebenbei heraus, daß Berghofer möglicherweise "Gesellschaftlicher Mitarbeiter (GMS)" der Stasi war. Unterlagen über seine Gespräche mit Bürgerrechtlern im Herbst 1989 soll er an das Ministerium für Staatssicherheit weitergegeben haben. Der Verdacht, daß auch der einstige SED-Hoffnungsträger ein Stasi-Spitzel gewesen sein könnte, überraschte zwar viele Dresdner nicht, im Westen sorgte er jedoch für erhebliche Betroffenheit. Immerhin hatte der einstige DDR-Reformer von Ende 1990 bis zum vergangenen Frühjahr als Berater für den schwäbischen Mittelständler Rudi Häussler gearbeitet und sich damals einen Ruf als ostdeutsches Karrierewunder erworben.

Ähnliche Fälle werden Unternehmen im Osten künftig wohl noch häufig erleben. Wer in der früheren DDR etwas werden wollte, mußte von einer bestimmten Stufe der Karriereleiter an mit der Stasi zusammenarbeiten. Wer als "Reisekader" in den Westen fahren durfte, mußte anschließend einen Bericht schreiben. So kommt es, daß heute in den neuen Bundesländern überall unbelastete Führungskräfte fehlen.

Daraus ergibt sich eine ganze Reihe unangenehmer Fragen: Ist es richtig, daß wegen der Stasi-Altlasten noch mehr Führungsstellen im Osten als bisher mit Westdeutschen besetzt werden und die Ostdeutschen sich noch mehr kolonisiert fühlen? Ist es umgekehrt richtig, wenn der Kaderleiter von einst, der schon von Amts wegen mit der Stasi zusammenarbeiten mußte, heute unter dem Titel "Personalchef" Massenentlassungen vorbereitet? Kann man es einem Arbeitnehmer zumuten, mit dem Kollegen, der ihn jahrelang bespitzelte, weiterhin in einem Zimmer zu arbeiten? Soll andererseits der kleine Stasi-Spitzel im Betrieb entlassen werden, während frühere Säulen des Systems in Politik und Wirtschaft weiter in Amt und Würden bleiben? Können Westdeutsche in Sachen Stasi überhaupt mitreden, und sollte man nicht einfach sagen: Schwamm drüber? Schließlich haben es hochbelastete Nazis in den Gründerjahren der Bundesrepublik auch zu Vorstands- und Aufsichtsratssitzen gebracht.

Zwei Dinge in diesem schwierigen Feld immerhin sind klar: Es geht nicht um Rache. Die herrschende Klasse der ehemaligen DDR und deren Helfershelfer können nicht einfach marginalisiert werden. Auch ehemalige Stasi-Spitzel müssen irgendwo ihren Lebensunterhalt verdienen können. Und: Das Schlüsselwort heißt Wahrheit. Die Vergangenheit muß offen auf den Tisch gelegt werden. Wer für die Stasi gearbeitet hat, muß sich seiner Vergangenheit und seinen Opfern stellen, ganz unabhängig davon, wo und wie er weiterarbeitet. Die Grenze zwischen Opfern und Tätern darf nicht verwischt werden. Nikolaus Piper