Hannover

Expo 2000 – ja oder nein? Das ist nun keine Frage mehr, die die Politiker unter sich ausmachen können. Alle volljährigen Hannoveraner und Ausländer, die mindestens drei Jahre in der Landeshauptstadt leben, sollen mitentscheiden. Der rot-grüne Stadtrat bereitet eine Volksbefragung vor. Die Fraktionen von SPD und Grün-Alternativer Bürgerliste (GABL) haben sich darauf geeinigt, die geplante Weltausstellung im Jahr 2000 abzusagen, wenn die Mehrheit der Hannoveraner es nicht will.

Expo ade? Verzichtet auch Hannover auf die Ehre, zum Mittelpunkt der Welt zu werden, nachdem zuvor schon Wien (nach einer Volksbefragung) und Budapest dankend abgesagt hatten? Wird die Superschau im spanischen Sevilla in diesem Jahr gar die letzte Expo aller Zeiten sein? Die Antwort steht noch aus. Obwohl sich SPD und GABL in Sachen Volksbefragung einig sind, unterscheiden sie sich in ihrer Einstellung zur Weltausstellung ganz erheblich. Klar dagegen sind die Grün-Alternativen. Die Grün-Alternativen stimmen mit CDU und FDP darin überein, daß eine ökologisch verantwortliche Expo unter dem Motto "Mensch – Natur – Technik" an sich eine gute Sache wäre. Nach Ansicht der SPD muß "nur" sichergestellt sein, daß das Mammutspektakel umwelt- und sozialverträglich ist, daß die Bürger in die Planungen einbezogen werden und vor allem, daß die Finanzierung geregelt ist. Dies aber bleibt die entscheidende Hürde, an der auch die größten Optimisten nicht vorbeikommen. Ohne einen kräftigen Zuschuß aus dem Bundeshaushalt – die Vorstellungen bewegen sich zwischen zwei und vier Milliarden Mark – wird nichts aus der Superschau. Finanzminister Waigel hat unmißverständlich zu verstehen gegeben, er brauche das Geld dringender für die neuen Bundesländer.

Mit der Bürgerbefragung, so tönt es aus den Reihen der CDU und FDP, habe das rot-grüne Ratsbündnis die Weltausstellung nicht nur in Hannover zur Disposition gestellt, sondern vor allem in Bonn. "Die schmeißen doch jetzt den Griffel hin", schimpfen konservative Kritiker und halten der SPD vor, die Jahrhundertchance zur Jahrtausendwende auf dem Altar ihrer Koalitionsvereinbarung mit den Grünen geopfert zu haben. Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg werfen sie vor, umgefallen zu sein. Erst habe er die Genossen wegen ihres Votums für eine Volksbefragung getadelt und jetzt urplötzlich – nur um seinen Posten zu retten – die Seiten gewechselt.

Aus den zuständigen Bonner Ministerien ist zu hören, man werde sich hüten, Zusagen zu machen, solange noch unklar sei, ob Hannover die Expo überhaupt wolle. Bundesumweltminister Klaus Töpfer hat bereits angeregt, die Superschau in die neuen Bundesländer zu verlegen. Die Weltausstellung werde in Hannover dermaßen "heruntergeredet", daß nun über Alternative nachgedacht werden müße, meinte er.

Mit der ungewissen Finanzierung steht und fällt aber auch die Befragung der Bürger. Im Koalitionspapier heißt es: Erst wenn der Bund verbindlich erklärt habe, wieviel er zuschießt, sollen die Hannoveraner entscheiden, ob sie unter den gegebenen Voraussetzungen für die Expo sind oder dagegen. Die teure Expo-Planung soll unterdessen weitergehen. Dabei hat nach Schätzung der Grünen die Regierung schon rund vierzig Millionen und die Stadt gut zwanzig Millionen Mark in das Projekt investiert – ungedeckte Schecks für eine ungewisse Zukunft.

Bei einer Umfrage vom August vergangenen Jahres waren noch 65 Prozent der Hannoveraner für die Weltausstellung. Inzwischen ist die Stimmung umgeschlagen. Sogar Ministerpräsident und Expo-Befürworter Gerhard Schröder, der seine Genossen von der SPD-Basis für ihr Volksbefragungs-Ansinnen im vergangenen Jahr rüde gerüffelt hatte, ist gelassener geworden. An Stelle der anfänglichen Euphorie sind Geldsorgen getreten.

Heinrich Thies