Besser als mit schlechtem Stil hätte Erzbischof Degenhardt nicht beweisen können, was er nicht wahrhaben will. In der Sakristei, nach der Abendmesse, die Eugen Drewermann gerade mit dem Friedensgruß beendet hatte, ließ der Paderborner Oberhirte vorigen Samstag dem Theologiedozenten, Priester und Psychotherapeuten durch einen Ordinariatsrat als Boten einen Brief überreichen: das Verbot zu predigen.

Klerikales Denken stehe unter ständigem Zwang, „die mangelnde argumentative Überzeugungskraft durch den Druck verwalteter Macht zu ersetzen“. So lautet eine der Erkenntnisse Drewermanns über die eigene Zunft, der er gleichwohl so wenig wie der katholischen Kirche den Rücken kehren will. Vielleicht, weil ihn eine Liebe, die dem Haß verwandt ist, dazu treibt, diese Institution und ihre Verwalter auf den Rücken zu legen, auf die psychiatrische Couch. Eine Lage, die allemal unbequem ist, zumal wenn dabei auch noch das Knochengerüst der Dogmen durchleuchtet wird und Strahlenschäden drohen.

Deshalb war Drewermann schon vorigen Herbst die theologische Lehrerlaubnis an der Paderborner Universität entzogen worden. Doch auch als Dozent für „kulturwissenschaftliche Anthropologie“ blieb er unbequem – und noch mehr als Hilfspfarrer von St. Georg, der es mit einem Opus von 20 000 Druckseiten zum theologischen Bestseller-Autor gebracht hat. Die Furcht vor seiner Wirkung auf verdrossene Fromme, denen er aus der Seele redet, scheint manchen Kirchendienern den Verstand zu rauben. So nehmen sie, indem sie Drewermann von der Kanzel verjagen, die Werbewirkung ganz naiv in Kauf.

Kein Wunder also, daß sich in Drewermanns „Trauer und Empörung“, mit der er das erzbischöfliche Dekret brieflich beantwortete, Ironie und Triumphgefühle misehen. „Sie täuschen sich sehr“, schrieb er an Degenhardt, „weiterhin werde ich Sonntag für Sonntag die Messe lesen, und die Leute werden so zahlreich kommen wie sonst nur zu Ostern ... Nun werde ich eben Predigten halten als Vorträge – nach der Meßfeier, aber in Einhaltung Ihres Dekrets. Es wird mit sofortiger Wirkung eine Personalgemeinde Drewermanns geben. Was Sie mir all die Jahre über vorwerfen, schaffen Sie sich selbst. Am Ende schaffen Sie sich auch Ihre Häretiker selber – als Abfall, sozusagen, Ihres Wahrheitsbesitzes von Amts wegen...“

Auch ehe er verletzt wurde, hatte sich Drewermann ereifert. Große und kleine Reformatoren, „Ketzer“ genannt oder auch „Heilige“, waren immer so – meistens Kleriker, die es mit sich und ihrer (Papst-)Kirche schwer hatten. Man kann ihnen das Reden, aber nicht das Denken verbieten. Und der Geist, nicht nur der Heilige, weht, wo er will.

Hansjakob Stehle